Prof. em. Carlo Ginzburg
Honorary Member des ZfL, Professor emeritus für Europäische Kulturgeschichte der Scuola Normale Superiore Pisa (Italien)
Zur Person / Vita
Carlo Ginzburg, geb. am 15.4.1939, gest. am 16.6.2026, war – nach Stationen in Rom, Bologna und Lecce – von 1988 bis 2006 Franklin D. Murphy Professor of Italian Renaissance Studies an der University of California (UCLA). Fellowships führten ihn u.a. nach Princeton, Paris, Chicago, an das Londoner Warburg Institute, das Getty Center, das Wissenschaftskolleg zu Berlin, die Columbia University und die Siemens Stiftung in München. Ginzburg war Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Sciences, korrespondierendes Mitglied der British Academy, Mitglied der Accademia Raffaello, Urbino, und Honorary Member des ZfL. Für sein Werk wurde er u.a. mit dem Premio Salento, dem Premio Viareggio, dem Aby-M.-Warburg-Preis der Stadt Hamburg sowie dem renommierten Balzan-Preis (2010) ausgezeichnet. Auf Vorschlag des ZfL erhielt Carlo Ginzburg 2008 Humboldt-Forschungspreis, dessen Mittel er für mehrere Forschungsaufenthalte am ZfL nutzte.
Carlo Ginzburg war einer der international bekanntesten Historiker unserer Zeit. Seine philologisch geschulten Untersuchungen sind vor allem dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit gewidmet, reichen aber bis in die Gegenwart hinein. Als Mitbegründer der Microstoria, der Mikrogeschichte, gelang es ihm, Ideen, Mentalitäten oder kulturelle Muster durch die intensive Analyse einer Person, eines Ereignisses oder eines Ortes zu erhellen. Ob es um das Weltbild eines ketzerischen Müllers um 1600 ging, das Ginzburg aus Inquisitionsakten rekonstruierte, um die Interpretation von Picassos »Guernica« oder um erkenntnistheoretische Fragen der historischen Perspektivik: In seinem in mehr als fünfzehn Sprachen übersetzten Werk erforschte er mit geradezu detektivischer Akribie die Quellen, Spuren und Bilder der Geschichte.
Nachrufe
- Sigrid Weigel: Carlo Ginzburg – Erinnerung an einen Grandseigneur der Kulturwissenschaft, in: ZfL Blog, 1.7.2026
- Martin Treml: Carlo Ginzburg: Aufklärer nach der Aufklärung, in: Die Furche, 24.6.2026
- Lothar Müller: Ein Mann der Fährten und Spuren, in: Süddeutsche Zeitung, 18.6.2026
- Patrick Bahners: Hexenmeister und Erzrationalist, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.6.2026
- Urs Hafner: Der Historiker Carlo Ginzburg ist gestorben, in: Neue Zürcher Zeitung, 17.6.2026
- Anne Dujin: Italian historian Carlo Ginzburg, founding figure of microhistory, has died, in: Le Monde in English, 17.6.2026
Veranstaltungen mit Carlo Ginzburg am ZfL
- Festveranstaltung, 17.7.2015
ZfL – Das zwanzigste Jahr - Konferenz, 9.–10.7.2015
Mourning, Magic, Ecstatic Healing. Ernesto de Martino - Mittwochsvortrag, 4.7.2012
A Conversation about Miracles. La Flèche 1735–1737 - Internationale ZfL-Sommerakademie, 10.–15.7.2011
Die ›Erste Kulturwissenschaft‹ und ihr Potential für die Gegenwart - Symposium, 23.–25.3.2010
Gesichter – Faces - Podiumsgespräch, 7.7.2009
Actors of History. Georges Didi-Huberman und Carlo Ginzburg im Gespräch - Festveranstaltung, 30.6.2028
Zukunft für die Geisteswissenschaftlichen Zentren Berlin - Mittwochsvortrag, 11.7.2007
Fear, Reverence, Terror. Reading Hobbes Today - Jahrestagung des ZfL, 30.10.–1.11.2003
Fälschungen. Autorschaft und Beweis in Wissenschaften und Künsten - Mittwochsvortrag, 9.7.2003
Latitude, Slaves, and the Bible. An Experiment in Microhistory - Jahrestagung des ZfL, 19.10.2001
Figuren des Europäischen
Publikationen
Monographien (Auswahl)
- La lettera uccide. Milano: Adelphi edizioni 2021
- Old Thiess, a Livonian Werewolf. A Classic Case in Comparative Perspective. Chicago/London: The University of Chicago Press 2020 (mit Bruce Lincoln)
- Nondimanco. Machiavelli, Pascal. Milano: Adelphi edizioni 2018
- Paura reverenza terrore. Milano: Adelphi 2015
- Il filo e le tracce. Vero falso finto. Milano: Feltrinelli 2006
[Übersetzung: Faden und Fährten. Wahr, falsch, fiktiv. Berlin: Wagenbach 2013] - Rapporti di forza. Milano: Feltrinelli 2001
[Übersetzung: Die Wahrheit der Geschichte. Rhetorik und Beweis. Berlin: Wagenbach 2001] - Das Schwert und die Glühbirne. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1999
- Occhiacci di legno. Nove riflessioni sulla distanza. Milano: Feltrinelli 1998
[Übersetzung: Holzaugen. Über Nähe und Distanz. Berlin: Wagenbach 1999] - Storia notturna. Una decifrazione del sabba. Turin: Einaudi 1989
- [Übersetzung: Hexensabbat. Entzifferung einer nächtlichen Geschichte. Berlin: Wagenbach 2005]
- Il formaggio e i vermi. Turin: Einaudi 1976
[Übersetzung: Der Käse und die Würmer: Die Welt eines Müllers um 1600. Frankfurt a.M.: Syndikat 1979]
Aufsätze (ZfL)
- Getrud Bing über Aby Warburg und eine Philologie der Überlieferung, in: ZfL Blog, 25.2.2020
- Seitenblicke. Anmerkungen zu einem Brief von Machiavelli, in: Sigrid Weigel (Hg.): Gesichter. Kulturgeschichtliche Szenen aus der Arbeit am Bildnis des Menschen. München: Wilhelm Fink 2013, 245–259 (mit Christine Kutschbach)
- The Bord of Shame, in: Corina Caduff, Anne-Kathrin Reulecke, Ulrike Vedder (Hg.): Passionen. Objekte – Schauplätze – Denkstile. München: Wilhelm Fink 2010, 19–27
- Vergegenwärtigung des Feindes. Zur Mehrdeutigkeit historischer Evidenz, in: Trajekte 16 (2008): Figuren des Wissens, 7–17
- Auerbach und Dante: Eine Verlaufbahn, in: Karlheinz Barck, Martin Treml (Hg.): Erich Auerbach. Geschichte und Aktualität eines europäischen Philologen. Berlin: Kadmos 2007
- Das Nachäffen der Natur. Reflexionen über eine mittelalterliche Metapher, in: Anne-Kathrin Reulecke (Hg.): Fälschungen. Zu Autorschaft und Beweis in Wissenschaften und Künsten. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2006, 95–122
- Familienähnlichkeiten und Stammbäume. Zwei kognitive Metaphern, in: Sigrid Weigel, Stefan Willer, Ohad Parnes, Ulrike Vedder (Hg.): Generation. Zur Genealogie des Konzepts – Konzepte von Genealogie. München: Wilhelm Fink 2005, 267–289
- Spie. Radici di un paradigma indiziaro, in: Aldo Gargani (Hg.): Crisis della ragione. Turin: Einaudi 1979, 57–106
[Übersetzung: Spurensicherung. Die Wissenschaft auf der Suche nach sich selbst. Berlin: Wagenbach 1995]
Foto: © Amélie Losier