Geschichte der (deutschen) Literaturgeschichte(n)

Literaturgeschichte zu schreiben hat heutzutage einen schlechten Ruf – spätestens seit der entsprechenden Diagnose von Hans Robert Jauß (1970) scheint dies fast unmöglich zu sein. Das provoziert die Frage, was es überhaupt bedeutet, eine Geschichte der Literatur zu verfassen. Zu ihrer Beantwortung bedarf es einer kritischen Betrachtung, wie die Literaturgeschichte begann; welche Ansätze es gab, sie zu erneuern; welche Ideen oder Ziele diese jeweils verfolgten; und welche Herausforderungen sich ihr stellten. Ausgehend von Friedrich Schlegels Versuch, in Abgrenzung zu den bis zum späten 18. Jahrhundert gängigen universalwissenschaftlichen Kompendien der historia litteraria eine Literaturgeschichtsschreibung im modernen Sinn zu begründen, verfolgt das Forschungsprojekt eine kritische Aufarbeitung.

Anhand ausgewählter Fortschreibungen und Revisionen dieser Praxis innerhalb der Germanistik (Gervinus’ Nationalliteraturgeschichte, die Geistesgeschichte im frühen 20. Jahrhundert, Jauß’ Rezeptionsgeschichte, Kittlers Mediengeschichte) sollen Problemstellungen, Aporien und Lösungsvorschläge kritisch betrachtet werden, um daraus Einsichten in die Vergangenheit und Gegenwart der Literaturgeschichte zu gewinnen. Diese Kritik ist nicht nur für die historische Reflexion über das Selbstverständnis der deutschen Germanistik von großer Bedeutung, sondern auch für die Verortung und Neuorientierung der Auslandsgermanistik und der Literaturwissenschaft insgesamt. Denn die Auseinandersetzung mit Formen und Modellen der Literaturhistoriographie kann verstehen helfen, aus welchem Grund die historische Darstellung der Literatur wichtig und notwendig ist und welche Bedeutung sie heute für uns haben kann.

Abb. oben: Matthias Lemm: Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar (Ausgangsbild). Quelle: Pixabay

2021–2022
Leitung: Kyoung-Jin Lee