Kleine Literatur als Weltliteratur. Literatur als Medium der Emanzipation
Das Projekt entwickelt eine neue Sicht der Weltliteratur aus der Perspektive der kleinen Literatur. Wurde kleine Literatur konventionell oft als eine Literatur kleiner Nationen oder minoritärer Sprachen verstanden, wird sie hier als Ausdruck sozial, kulturell oder national unterdrückter oder marginalisierter Gruppen begriffen. Dazu gehören v.a. proletarische, antikoloniale und feministische Literaturen, die oft als Mittel der Emanzipation betrachtet werden.
Die Verbindung von Literatur und emanzipatorischen Bewegungen reicht weit in die Literaturgeschichte zurück, doch erst im frühen 20. Jahrhundert wurden solche Verbindungen konsequent in das literarische Selbstverständnis eingetragen und damit poetik- und theoriefähig. Geschuldet war dies der globalen Emergenz von emanzipatorischen Bewegungen. Seit dem frühen 20. Jahrhundert entstanden weltweit unterschiedliche Befreiungsbewegungen, darunter der Kampf für das Frauenwahlrecht und die Gleichberechtigung der Geschlechter, die emanzipatorischen Nationalbewegungen nach dem Ersten Weltkrieg, die Oktoberrevolution, die Welle der Entkolonialisierung in Asien und Afrika sowie die Forderung nach einer politischen Gleichstellung ethnischer und religiöser Minderheiten. Im Rahmen dieser Emanzipationsbestrebungen spielte Literatur eine zentrale Rolle. Das Projekt untersucht daher die Bedeutung, die Funktion und die historischen Voraussetzungen eines emanzipatorischen Literaturbegriffs und ihre Auswirkungen auf das Verständnis der Weltliteratur. Im Mittepunkt stehen proletarische, feministische und antikoloniale Texte.
Durch die Konzeptualisierung der kleinen Literatur als emanzipatorische Literatur unterdrückter, marginalisierter, aber auch verfemter Gruppen zielt das Projekt darauf ab, eine innovative und gegenhegemoniale Interpretation der Weltliteratur zu entwickeln. Der lange – und lange vorschnell – diskreditierte Universalismusanspruch der Literatur soll im Zuge dessen neu überprüft werden.
siehe auch
- Georgien-Forschung am ZfL
- Literatur in Georgien. Zwischen kleiner Literatur und Weltliteratur
(Zaal Andronikashvili, Projekt 2020–2023)
Publikationen
Zaal Andronikashvili
- Born of the Earth: Autochthony in the Colonial and Decolonial Struggles of the Caucasus, in: Hartmut Behr, Felix Rösch (Hg.): Discourses in Global Political Theory. Global Political Thinkers. Cham: Palgrave Macmillan 2025, 95–119
- Rezension zu: Jeanne E. Glesener, Oliver Kohns (Hg.): Weltliteratur und Kleine Literaturen. Würzburg: Königshausen & Neumann 2022, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 4 (2024), 609–613
Veranstaltungen
Die Freiheit hat keine Garantien. Merab Mamardashvili — Denken in Katastrophenzeiten
Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Eberhard-Lämmert-Saal, Eingang Meierottostr. 8, 10719 Berlin
Zaal Andronikashvili: When Empire Rules but Cannot Lead: Cultural Sovereignty and the Struggle for Hegemony in Nineteenth-Century Georgia
Webster Hall, Amherst College, 20 Kirby Dr, Amherst, MA 01002, Vereinigte Staaten
Provincializing National Literatures: Imperial Canon Formation in Multinational Soviet Literature and Georgian Counter-Models
Davis Centre for Russian and Eurasian Studies, Harvard University, S354 1730 Cambridge Street, Cambridge, MA 02138, USA
Zaal Andronikashvili: Love of Locomotives or Science Fiction Soviet Georgian Style
KINTEX, Goyang City / Dongguk University, Seoul, Republik Korea
Zaal Andronikashvili: Weltliteratur von den »Rändern« aus gesehen: Das Beispiel der georgischen Literatur
Sofia, Bulgarien
Panel: Ostwärts
ifa – Institut für Auslandsbeziehungen, Charlottenplatz 17, 70173 Stuttgart