Weltfiktionen post/sozialistisch. Literaturen und Kulturen aus Osteuropa

Die sozialistische Gesellschaft brachte nicht nur politisch und ökonomisch eine neue Welt hervor, die sich von allen bisherigen und insbesondere von der kapitalistischen fundamental unterscheiden sollte. Sie wollte auch das Verhältnis der Menschen zueinander und zu ihrer Umgebung revolutionieren. Was aus diesen Zielen geworden ist und wie deren Scheitern bis heute in den Kulturen Osteuropas nachlebt, lässt sich nirgends sonst so gut beobachten wie in den fiktionalen Weltentwürfen der schönen Literatur und der populären Künste.

Jenseits der Dichotomien des Kalten Krieges von Repression und Dissidenz, Totalitarismus und Demokratie, offizieller und inoffizieller Kultur werfen diverse Projektvorhaben aus der wachsenden historischen Distanz einen neuen Blick auf die Vielschichtigkeit und die Ambivalenzen dieser Weltfiktionen. Zugleich wird danach gefragt, wie die Vergangenheit in der postsozialistischen Gegenwart ständige Umdeutungen und Neuaneignungen erfährt, die von manichäischer Dämonisierung bis zu nostalgischer Verklärung reichen. Damit sollen gängige Lesarten von ästhetischen Praktiken, künstlerischen Verfahren, populären Genres und kulturellen Weltentwürfen in historischer und vergleichender Perspektive erweitert und revidiert werden.

So wird in verschiedenen Kooperationen mit Kolleg*innen untersucht, wie beispielsweise Ästhetiken des Dokumentarischen in den 1960er Jahren den künstlerischen Zugriff auf die Wirklichkeit radikal veränderten oder wie in den Konstruktionen von sozialistischer Männlichkeit die bürgerliche Ordnung der Geschlechter aufgebrochen wurde. Am Beispiel von Reiseliteratur lässt sich zeigen, wie in der Nachkriegszeit neue Vorstellungen des Globalen aufkamen. Und anhand von postsozialistischen Darstellungen der Geschichte wird erforscht, wie globalisierte Erinnerungskulturen und soziale Medien das Bild der eigenen Vergangenheit radikal erschüttern. Post/sozialistische Weltfiktionen verhandeln somit zweierlei: die politische Fiktion einer besseren Welt, die zunehmend zu einem wirklichkeitsfremden Fantasiegebilde wurde, ebenso wie die künstlerische Schaffung divergenter Weltentwürfe, die Faszination und Schrecken des Alltags zur Sprache bringen.

 

Abb. oben: © Matthias Schwartz

seit 2021

 

Siehe auch

Affektiver Realismus. Osteuropäische Literaturen der Gegenwart (Matthias Schwartz, Projekt 2017–2019)

Publikationen

Matthias Schwartz

  • Eine Welt ist nicht genug. Imaginationen alternativer Welten in sozialistischer Science-Fiction, in: Johann Ev. Hafner, Lukas Struß (Hg.): Strings, Sphären und SciFi. interdisziplinäre Zugänge zu alternativen Welten. Baden-Baden: Ergon 2021, 185–198
  • Prosa der Verstörung. Zum 100. Geburtstag von Stanisław Lem, in: ZfL Blog, 2.9.2021
  • Die Traurigkeit des Golems. Stanisław Lems Figuration posthumaner Intelligenz als Poetik der Erinnerung, in: Alexander Friedrich u.a. (Hg.): Kosmos Stanisław Lem. Zivilisationspoetik, Wissenschaftsanalytik und Kulturphilosophie. Wiesbaden: Harrassowitz 2021, 43–72
  • Abschied von einer Utopie. Mediale Inszenierungen der Raumfahrt in der russischen Gegenwartskultur, in: Tobias Haupts, Christian Pischel (Hg.): Space Agency – Medien und Poetiken des Weltraums. Bielefeld: transcript 2021, 73–98
  • Silberlöffel und andere Aborte. Marginalien zu Stanisław Lems Lokaltermin, in: Jacek Rzeszotnik (Hg.): Ein Jahrhundert Lem. 1921–2021. Dresden: Neisse Verlag 2021, 121–140

Veranstaltungen

Internationale Konferenz
16.06.2022 – 18.06.2022

Socialism’s Divergent Masculinities. Representations of Male Subjectivities in Soviet Constellations and Beyond

Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, Aufgang B, 3. Etage, Trajekte-Tagungsraum

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Panelleitung und Vortrag
18.11.2021 – 21.11.2021

Panels mit Matthias Schwartz bei der 53. Jahresversammlung der ASEEES

New Orleans, LA, USA

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Lesung und Diskussion
12.11.2021 · 18.30 Uhr

»ewig her und gar nicht wahr«. Lesung und Diskussion mit Marina Frenk

Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, Aufgang B, 3. Etage, Trajekteraum

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Internationale Konferenz
11.11.2021 – 12.11.2021

Jenseits der Nostalgie. Neuaneignungen des Spätsozialismus in osteuropäischen Gegenwartskulturen

Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, Aufgang B, 3. Etage

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Ausstellungseröffnung und Diskussion
28.09.2021 · 18.30 Uhr

Ausstellungseröffnung »Stanisław Lem – ein polnisch-jüdischer Science-Fiction-Autor und sein universelles Werk« mit Matthias Schwartz

vhs, Bergheimer Str. 76, 69115 Heidelberg

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Seminar
09.08.2021 – 13.08.2021

Matthias Schwartz: »Diener des Volkes«. Populärkulturen und Populismus im digitalen Zeitalter

online

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Panel
07.07.2021 · 13.00 Uhr

»Explosive Convergences. Popular Memory Images in Current Political Conflicts (Belarus, Lithuania, Ukraine, Poland)« (Panel mit Matthias Schwartz u.a.)

online

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Vortrag
11.06.2021 · 17.40 Uhr

Matthias Schwartz: Ich, Du, Er, Sie: Populismus, Nationalismus und die postsozialistische Filmkomödie

Online

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Workshop
27.05.2021 · 10.30 Uhr

Wenn die Geschichte die Literatur einholt (Workshop mit Matthias Schwartz und Viktor Martinowitsch)

online via Zoom

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Internationale Konferenz
16.01.2020 – 18.01.2020

›Firsthand Time‹. Documentary Aesthetics in the Long 1960s

ZfL, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, Aufgang B, 3. Etage, Seminarraum

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Beiträge

12.9.2021 Audio
»Stanisław Lem – Science-Fiction-Visionär und philosophischer Pessimist«
Beitrag von Christian Blees mit Matthias Schwartz u.a. in der Sendung »Kalenderblatt« im Deutschlandfunk zum 100. Geburtstag von Stanisław Lem
© Deutschlandfunk

6.9.2021 Audio
»Das Geheimnis der Sterntagebücher«
Lange Nacht zu Stanisław Lems »Sterntagebüchern« im Deutschlandfunk Kultur mit Matthias Schwartz u.a.
© Deutschlandfunk Kultur

31.7.2021 Audio
»Baustelle Kosmos«
WDR 3 Kulturfeature mit Matthias Schwartz zum 100. Geburtstag von Stanisław Lem, Autor: Sven Ahnert
© WDR 3

27.5.2021 Video
»Wenn die Geschichte die Literatur einholt«
Virtueller Workshop der ABDOS (Arbeitsgemeinschaft der Bibliotheken und Dokumentationsstellen der Ost-, Ostmittel- und Südosteuropaforschung e.V.) mit Matthias Schwartz und Viktor Martinowitsch im Rahmen der Veranstaltung »Leipzig liest extra« der Leipziger Buchmesse
© ABDOS e.V.