Belebte Häuser. ›Post-phantastische‹ Variationen eines literarischen Topos bei Cortázar, Vian, Aichinger und Ballard

Häuser sind für gewöhnlich nicht ›belebt‹, sondern werden ›bewohnt‹. Als Wohnung des Menschen sind sie »schützendes Behältnis für Sachen und Körper« (Aristoteles) und bezeichnen einen ›eingefriedeten‹ Bereich, der das Innen von einem potentiell feindlichen Außen abschirmen soll (Heidegger; Baecker). Aus den Weiten der Welt schneiden die Mauern des Hauses den Sonderraum des Privaten heraus und eröffnen so einen vom äußeren »Raum der Bedrohtheit« gesonderten »Raum der Geborgenheit« (Bollnow), einen Ort der »Zuflucht«, der »Bilder von beschützter Innerlich­keit« (Bachelard) aufruft.

Die Literaturgeschichte wartet jedoch auch mit prominenten Gegenbeispielen auf, in denen die Schutzfunktion des Hauses sich in ihr Gegenteil verkehrt. Narrative des Unheimlichen unterlaufen die Vorstellung von Innerlichkeit und Geborgenheit, indem sie – oftmals anhand eines von Geistern heimgesuchten, besessen oder sonst wie beseelt erscheinenden Hauses – vorführen, wie der vermeintlich geschützte und schützende Hausraum radikal verunsichert wird. So wird das unheimliche Haus ab dem 19. Jahrhundert nicht nur immer häufiger zum Schauplatz phantastischer Fiktionen; als (bürgerliche) Fortführung des alten Spukschloss-Motivs der gothic novel etabliert sich das unheimliche Haus als populäres Modell der phantastischen Literatur. Die Mitte des 20. Jahrhunderts entstandenen Erzähltexte, mit denen sich das Projekt beschäftigt, greifen den Topos des unheimlich ›beseelten‹ Hauses der traditionellen Phantastik auf, hauchen ihm dabei jedoch eine ganz andere Art von Leben ein. So vergeht die pflanzlich anmutende Wohnung in Boris Vians Roman L’Écume des jours (1947) in einem langsam fortscheitenden Fäulnisprozess, in dessen Folge die Räume so sehr zusammenschrumpfen, dass die Bewohner sie schließlich verlassen müssen. Auch in Julio Cortázars »Casa tomada« (1946) und Ilse Aichingers »Wo ich wohne« (1955) greifen die Häuser aktiv in das Handlungsgeschehen ein, indem sie ihre Größe bzw. Lage verändern. In der fiktionalen Welt, die J. G. Ballard in seiner Erzählung »The Thousand Dreams of Stellavista« (1962) entwirft, gehören gar »psychotropische Häuser« zum aktuellen architektonischen Standard.

Wie ihre Vorgänger der traditionellen Phantastik legen auch die in den Erzählungen Cortázars, Vians, Aichingers und Ballards dargestellten Häuser ein Eigenleben an den Tag, das den Regeln der Vernunft zuwiderläuft. Im Unterschied zum »abgedroschenen Modell des Spukhauses« (Cortázar) eignet ihnen jedoch nichts ›Phantastisches‹ im Sinne des Übernatürlichen, allenfalls Merkwürdiges und zutiefst Ungewöhnliches; sie rufen weder Schauer noch Zweifel bei Leser und Leserin hervor, sondern explorieren ein erweitertes und befremdliches Wirklichkeitsverständnis, das sich programmatisch »gegen die gedankenlose Einrichtung im Gewohnten wendet« (Eggers). Mit ›Post-Phantastik‹ wird daher ein ›werkhypothetischer‹ Sammel- bzw. Suchbegriff in Anschlag gebracht, der jene narrativen Bauformen abzudecken vermag, die einerseits offenkundig auf den Fundamenten der traditionellen Phantastik aufbauen, deren abgegriffene Modelle andererseits aber dadurch modifizieren, dass sie die eigene Filiation anhand metafiktionaler und selbstreferentieller Strategien ausstellen und reflektieren. Denn was sich hier letztlich ›verlebendigt‹, so die These, ist nichts anderes als die ›Architektur‹ des (phantastischen) Erzählens selbst.

ZfL-Promotionsstipendium 2017–2020
Bearbeitung: Lena Abraham

Publikationen

Lena Abraham, Kira Jürjens, Edith Anna Kunz, Elias Zimmermann (Hg.)

Fenster – Korridor – Treppe
Architektonische Wahrnehmungsdispositive in der Literatur und in den Künsten

Aisthesis Verlag, Bielefeld 2019, 220 Seiten
ISBN: 978-3-8498-1317-8

Veranstaltungen

Vortrag
16.11.2018 · 11.00 Uhr

Lena Abraham: Del andrógino al siamés. Mito, cuerpo y arquitectura en »Laura y Julio« (2006) de Juan José Millás

Universität Osnabrück

weiterlesen
Vortrag
27.04.2018 · 17.25 Uhr

Lena Abraham: Poetics of Pending in F. Hernández's »The Balcony«

University of Glasgow

weiterlesen

Medienecho

17.06.2020
Fenster – Korridor – Treppen. Architektonische Wahrnehmungsdispositive in der Literatur und in den Künsten

Rezension von Ross Lipton, in: Monatshefte Bd. 112, 1 (2020), 150152

02.01.2020
Fenster – Korridor – Treppe. Architektonische Wahrnehmungsdispositive in der Literatur und in den Künsten

Rezension von Susanne Hauser, in: Zeitschrift für Germanistik, Neue Folge XXX (2020), 277–279