Vagantenweisheit. Goethes Schaffen im Licht der Revolution

Es ist in einem bemerkenswerten Passus der Hefte zur Morphologie, in dem Goethe auf eine Schlüsselerkenntnis seiner italienischen Reise zurückkommt. Goethe weist darin als zentrale Einsicht seiner Reisestreifzüge die grundlegende Beobachtung dreier »Weltgegenden« aus: Kunst, Natur und Sitte. Mag diese Behauptung auf den ersten Blick, ob ihrer Schlichtheit, ungewöhnlich klingen, so kommt darin doch eine wesentliche Entdeckung zum Ausdruck: nämlich jene der konstitutiven Gesetzmäßigkeit der Sitte. So entstand in den darauf folgenden Jahren in Goethes schriftstellerischer Tätigkeit ein reichhaltiges Material, das sich mit der grundlegenden Ordnung natürlicher und ›kunstmäßiger‹ Dinge befasste. Hier lag nun das Feld der Sitte, zumindest in theoretischer Durchdringung, auf ungewöhnliche Weise brach.
Leitthese dieses Projektes ist daher die Vermutung, dass nicht zuletzt in Goethes literarischem Werk, welches sich in dieser Phase intensiv mit der Französischen Revolution beschäftigte, die Darstellung sittlicher Formen und ihrer Konflikte das eigentlich poetologisch Fragliche geworden war. Gemäß Goethes morphologischem Ansatz liegt hier die zugrundeliegende Gesetzmäßigkeit gesellschaftlicher Formen in ihrem Werden und Vergehen. Sie ist von stets gegenläufigen Kräften bestimmt und einem unaufhörlichen Wandel ausgesetzt. Zentrales Anliegen dieser Studie ist es somit, den Wandel gesellschaftlicher Formen – am Leitfaden der Goethe’schen Morphologie – noch einmal neu zu durchdenken.

Forschungsstipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung 2019–2020
Leitung: Joel B. Lande