Brecht-Tage 2026
Die Brecht-Tage sind eine Kooperation des Literaturforums im Brecht-Haus mit dem Netzwerk Naturwissen am Museum für Naturkunde Berlin, dem Zeiss-Großplanetarium Berlin, der Rosa-Luxemburg-Stiftung, dem Fachgebiet Literaturwissenschaft der Technischen Universität Berlin und andcompany&Co.
Innerhalb einer Woche finden an verschiedenen Orten in Berlin Filmvorführungen, Lesungen, Podiumsgespräche und Vorträge statt. Seitens des ZfL sind Zaal Andronikashvili, Sebastian Kirsch und Matthias Schwartz beteiligt.
Der Literaturwissenschaftler Zaal Andronikashvili ist wissenschaftlicher Mitarbeiter mit dem Projekt Literatur in Georgien. Zwischen kleiner Literatur und Weltliteratur. Sebastian Kirsch ist Theater- und Literaturwissenschaftler und wissenschaftlicher Mitarbeiter mit dem Projekt Straßenszenen. Transformationen der Straße als theatraler Bezugsraum. Der Slawist und Historiker Matthias Schwartz ist Stellvertretender Direktor des ZfL und Ko-Leiter des Programmbereichs Weltliteratur. Er leitet die Projekte Weltfiktionen post/sozialistisch. Literaturen und Kulturen aus Osteuropa und Anpassung und Radikalisierung. Dynamiken der Populärkultur(en) im östlichen Europa vor dem Krieg.
Programm
Veranstaltungen unter Beteiligung von Wissenschaftler*innen des ZfL
Di, 10.2.2026, 14.00
Zeiss-Großplanetarium, Prenzlauer Allee 80, 10405 Berlin
»aufzeigend das mögliche«. Die »wissenschaftlich-technische Revolution« in sowjetischen Filmen, Teil 2: »Erde«
Filmvorführung
Einführung: Matthias Schwartz
Oleksandr Dowschenkos »Erde« gilt als einer der größten Filme aller Zeiten. Das Meisterwerk der sowjetischen Kinoavantgarde zeigt in ikonisch gewordenen Montage-Bildern, wie die Kollektivierung der Landwirtschaft während des Ersten Fünfjahresplans bäuerliche Traditionen in der Ukraine radikal verändert. Als der Film entstand, waren die fatalen Konsequenzen dieser gewaltsamen Industrialisierungspolitik und der durch sie ausgelösten Hungerkatastrophen noch nicht bekannt. Heute ist Dowschenkos »Erde« vor allem ein einzigartiges Kinokunstwerk, das in unvergesslichen und emotional aufrüttelnden poetischen Filmbildern das damalige Verhältnis zur Umgestaltung der Natur darstellt.
Film: Erde (Oleksandr Dowschenko, UdSSR 1930, 75 Min., Stummfilm mit engl. UT)
Eintritt: 10,- € / ermäßigt: 7,- €
Tickets über Planetarium
Di, 10.2.2026, 16.00
Zeiss-Großplanetarium, Prenzlauer Allee 80, 10405 Berlin
Gespräch zur dreiteiligen Filmreihe »aufzeigend das mögliche«
Gespräch
Mit Klaus Gestwa und Theresa Hannig
Moderation: Vettka Kirillova und Matthias Schwartz
Der Historiker Klaus Gestwa und die Schriftstellerin Theresa Hannig diskutieren, ausgehend von den auf den Brecht-Tagen gezeigten Filmen, Fragen der sowjetischen Technopolitik und Umweltgeschichte im Zeitraum zwischen den 1930er und 1980er Jahren. Der Spannungsbogen reicht dabei in thematischer Hinsicht von den mit der Beseitigung der agrarischen Lebensweise verbundenen sozialrevolutionären Wirkungen bis zum Erschrecken vor der Zerstörung der Lebensgrundlagen in der Industriegesellschaft, in ästhetischer Hinsicht vom Avantgarde-Kino bis zum Science-Fiction-Film.
Eintritt: 7,- € / ermäßigt: 5,- €
Tickets über Planetarium
Di, 10.2.2026, 18.00
Zeiss-Großplanetarium, Prenzlauer Allee 80, 10405 Berlin
»Brecht im Planetarium. Konstellationen von Sternen und Menschen«
Vortrag von Sebastian Kirsch
Das Planetarium dient Brecht als Modell für einen neuen Typus der Dramatik. Bewegungen der Sterne und Bewegungen der Menschen erscheinen darin gleichermaßen als Konstellationen; »ohne Halt und in großer Fahrt« sind die Gestirne am Himmel und die Menschen auf der Erde. In collageartiger Weise zeichnet der Vortrag einige Beziehungen zwischen astronomischer und theatraler Demonstration nach. Eröffnet Brechts Planetariums-Bühne Wege, »aus den Kräften des Kosmos zu leben« (Walter Benjamin)? Und wo führen diese Wege ins heutige Zeitalter des »Planetaren«?
Eintritt frei
Di, 10.2.2026, 19.30
Zeiss-Großplanetarium, Prenzlauer Allee 80, 10405 Berlin
»aufzeigend das mögliche«. Die »wissenschaftlich-technische Revolution« in sowjetischen Filmen, Teil 3: »Neun Tage eines Jahres«
Filmvorführung
Einführung: Matthias Schwartz
Michail Romms Film »Neun Tage eines Jahres« ist einer der wichtigsten Filme der Tauwetterzeit, als nach Stalins Tod eine kritischere Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Gegenwart in der Sowjetunion möglich wurde. Während Romm in Deutschland vor allem durch seinen Dokumentarfilm »Der Gewöhnliche Faschismus« (1965) noch heute bekannt ist, der sich der totalitären Vergangenheit widmet, sind die Neun Tage eines Jahres der damals brennenden Physiker-und-Lyriker-Debatte gewidmet. In ihr ging es um den Status von Kunst und Wissenschaft für die junge rebellierende Generation. Bei Romm experimentieren zwei junge Atomphysiker, beide in dasselbe Mädchen verliebt, mit Verfahren der Kernspaltung, wobei einer sich eine tödliche Strahlendosis einfängt: war der Forschungsenthusiasmus dieses Lebensrisiko wert? Die in dem Film aufgeworfenen Fragen ethischer und gesellschaftlicher Verantwortung, die auch private Beziehungen miteinschließt, sind auch heute noch von anhaltender Aktualität.
Film: Neun Tage eines Jahres (Michail Romm, UdSSR 1962, 111 Min., OV mit dt. UT)
Eintritt: 10,- € / ermäßigt: 7,- €
Tickets über Planetarium
Mittwoch, 11.2.2026, 18.30
Museum für Naturkunde, Invalidenstraße 43, 10115 Berlin
Vom Nutzen und Nachteil vom Verändern von Modellen
Podiumsgespräch
Mit Drew Pendergrass, Sebastian Kirsch, Tom Turnbull und Patrick Primavesi
Moderation: Maike Weißpflug
Brechts Vorliebe für »Modelle« ist vielleicht wenig bekannt, prägt aber seinen Beitrag zu einem »Theater des wissenschaftlichen Zeitalters«. Walter Benjamin schrieb dazu: »Es kann so kommen, aber es kann auch ganz anders kommen; das ist die Grundhaltung dessen, der für das epische Theater schreibt.« In den Geowissenschaften und speziell in der Klimaforschung sind Modelle ein fester Bestandteil eines »Theaters der Wissenschaft« wie das Denken in Szenarien, einer Lehre aus der Renaissance, der Zeit, als Galileo sein Wissen über die Sonne verheimlichen musste. Brechts Modell-Begriff weiterzudenken könnte da ansetzen, wo er selbst mit der Formulierung seiner Modelle auch deren Veränderung empfohlen hat.
Eintritt frei, Anmeldung erforderlich
Veranstaltung auf Englisch mit Simultanübersetzung ins Deutsche
Donnerstag, 12.2.2026, 16.00
Literaturforum im Brechthaus, Chausseestraße 125, 10115 Berlin
Die Quadratur des Kaukasischen Kreidekreises. Brecht in Georgien
Podiumsgespräch
Gespräch mit Patrick Primavesi, Zaal Andronikashvili und Elene Shalutashvili
Moderation: Sebastian Kirsch
Im Vorspiel zu Brechts Stück »Der Kaukasische Kreidekreis«, unmittelbar nach dem Ende des 2. Weltkrieges, streiten die Kolchosen der Ziegenzüchter und der Obstbauern über die Nutzung eines Tals, können sich aber schließlich einigen. Zur Ehrung der Ziegenzüchter, die im Sinne des Gemeinwohls auf ihre Rechte verzichten, wird eine alte, dem Ursprung nach chinesische Parabel aufgeführt. Der georgische Hintergrund galt lange als verzichtbar, war für Brecht aber zur historischen Verortung der Fabel wichtig und erreicht durch die jüngste geopolitische Entwicklung auch eine neue Brisanz. Patrick Primavesi und Elene Shalutashvili berichten von einer Brecht-Konferenz in Georgien zum 50. Jubiläum der legendären Kreidekreis-Inszenierung von Robert Sturua und sprechen mit Zaal Andronikashvili über die aktuelle Situation.
Eintritt frei