Workshop
14.02.2020 · 10.00 Uhr

Schulen, Gruppen, Stile. Denken, kollektiv betrachtet

Ort: ZfL, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, Aufgang B, 3. Etage, Seminarraum
Organisiert von Nicolas Berg (DI), Daniel Weidner (ZfL/HU Berlin)
ZfL-Projekt(e): Stil. Geschichte und Gegenwart

Gemeinsamer Workshop des Leibniz-Instituts für Jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow Leipzig (DI) und des Leibniz-Zentrums für Literatur- und Kulturforschung (ZfL)

»Genau in der Mitte« zwischen den Ideen und Theorien der Menschen und ihren gesellschaftlichen Erfahrungen situiere sich die Wissenssoziologie, so der heute kaum noch bekannte Soziologe und Simmel-Übersetzer Kurt H. Wolff. Wie vor ihm sein Lehrer Karl Mannheim und vor allem Ludwik Fleck (der den Begriff »Denkstil« von Karl Mannheim aufnahm und weiterentwickelte) war es auch Wolff um jenen Erkenntnisbereich zu tun, in dem das Singuläre jeder menschlichen Erfahrung sich mit den kollektiven Formen des Denkens und der Gestalt des Ausdrucks berührt. Der Gedanke des Kollektiven im Bereich der Erkenntnis hat dabei nicht nur wissenschaftshistorische Relevanz, sondern stellt immer auch eine intellektuelle Zumutung dar, über die zu reflektieren ist. Denn das Spektakuläre etwa an Flecks Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache (1935) ist ja nicht die intuitiv einleuchtende Feststellung, dass die Ergebnisse von Wissenschaft und Kunst auf kollektiven Entwicklungsprozessen basieren, sondern die theoretische Überzeugung des Autors, dass Denken selbst und Erkenntnis an sich »die am stärksten sozialbedingte Tätigkeit des Menschen« darstellen.

Diese scheinbar paradoxe These hat gleich zu einer Vielzahl von »Renaissancen« (Sylwia Werner und Claus Zittel) von Flecks Buch geführt, deren erste durch Thomas S. Kuhns Struktur wissenschaftlicher Revolutionen aus dem Jahr 1962 ausgelöst wurde. Allerdings hat dieses Interesse noch zu selten dazu geführt, Ansätze, die über Gruppen, Schulen und Stile in der Wissenschafts-, Wissens- und Ideengeschichte reflektieren, auch in empirische Fragestellungen der Kultur-, Literatur- und Geschichtswissenschaften aufzunehmen. So produziert der Zusammenklang aus dem soziologischen Interesse an kollektiven Denkprozessen und dem ästhetischen Reiz an formalen Analogien in Ausdruck, Stil und Sprache zwar eine zyklische Wiederkehr der Schriften von Georg Simmel, Siegfried Kracauer, Karl Mannheim und Ludwik Fleck im wissenschaftlichen Diskurs. Doch Anwendungen ihrer Thesen bleiben selten oder sind nur lose mit diesen theoriegeschichtlichen Grundschriften verbunden.
 
Der vierte Workshop der Reihe Jüdische Geschichte und Literaturforschung, die das ZfL zusammen mit dem Dubnow-Institut durchführt, will deshalb ein Forum bieten, nicht nur methodologisch und theoretisch über diese Texte und ihre Autoren nachzudenken, sondern auch Anwendungsmöglichkeiten der von ihnen ins Gespräch gebrachten Denkfiguren zu diskutieren.
 
Die Teilnahme ist kostenfrei, eine Voranmeldung ist nicht nötig.

Programm

10.0012.30

  • Nicolas Berg (DI), Daniel Weidner (ZfL/HU Berlin): Denkstil, Denkkollektiv und Verwandtes zur Einführung. Implikationen und Möglichkeiten
  • Magnus Klaue (DI): Das Ende der Nuancen. Von der Kritischen Theorie zur Frankfurter Schule
  • Pola Groß (ZfL): (Denk)Stil und Sprache bei Ludwik Fleck

14.00–16.00

  • Philip Emanuel Bockelmann (DI): »Der Heidelberger Geist«. Walter Jellinek und das Rechtsdenken in der frühen Bundesrepublik
  • Falko Schmieder (ZfL): Denkstil und Denkkollektiv bei Ludwik Fleck und Thomas Kuhn

16.30

  • Claude Haas (ZfL): Denkverbote, kollektiv betrachtet. Erkenntnis und Gemeinschaft in der Wissenschaft des George-Kreises
  • Annette Wolf (DI): Begriff und Biografie. Zur Denkfigur des Außenseiters bei Hans Mayer