Stil. Geschichte und Gegenwart
Das Schwerpunktprojekt hatte sich zur Aufgabe gestellt, die Leistungsfähigkeit der Kategorie Stil in literarischen, wissenschaftlichen, theoretischen und populären Texten und Kontexten zu untersuchen. Ausgangspunkt des Projekts war die Beobachtung, dass sich die gegenwärtige Literatur und Medienkultur einerseits durch Verabsolutierungsversuche bestimmter Stile auszeichnet, während die Kategorie des Stils andererseits aus den Literaturwissenschaften und der Kunstgeschichte in den letzten Jahrzehnten zusehends in die Soziologie abgewandert ist.
Das Projekt befasste sich sowohl mit der langen Geschichte des Stils in den Künsten, den Wissenschaften und der Gesellschaft, als auch mit seiner Aktualität heute. Es wurden individuelle und kollektive Schreibweisen der Gegenwart sowie Stilgemeinschaften in analogen und digitalen Welten untersucht. Stil wurde als ein strukturell offener und relationaler Begriff verstanden, der sich nicht auf eine Bedeutung oder Funktion festlegen lässt. Er meint nicht nur die individuelle sprachliche Ausdrucksform, den Individualstil, sondern fungiert spätestens seit 1900 auch als Bezeichnung für Handlungen, etwa für einen Politik- oder Kleidungsstil. Der Stilbegriff übernimmt so Vermittlungsfunktionen zwischen Schreib- und Lebensformen und eröffnet Perspektiven auf die ästhetische Dimension von Weltgestaltung. Phänomene und Effekte von Stil wurden im Projekt historisch und kontextabhängig untersucht. Seit dem Wintersemester 2018/2019 fand die Arbeit an Theorie und Praxis von Stil in regelmäßigen Sitzungen eines Lesekreises zum Thema Stil statt.
Folgende fünf Arbeitsfelder wurden während der Laufzeit bearbeitet:
Stil und Rhetorik
Einen ersten Schwerpunkt bildete die Untersuchung des schwierigen Verhältnisses von Stil und Rhetorik von der Antike bis heute. Daraus ging 2022 das von Eva Geulen und Melanie Möller herausgegebene Themenheft Stil und Rhetorik. Ein prekäres Paar und seine Geschichten der Open-Access-Zeitschrift Interjekte hervor. Stil und Rhetorik stehen seit dem 17. Jahrhundert in einem Konkurrenzverhältnis. Beide Kategorien bewegen sich im Spannungsfeld von Regelbefolgung und Abweichung, wobei die Rhetorik gemeinhin der ersten, der Stil hingegen der letzten zugeordnet wird. Die Beiträge konnten aber zeigen, dass beide gleichermaßen ihre angestammten Funktionen und Funktionsweisen überschreiten, etwa hinsichtlich von Ethos oder Moral. Die lange verbindliche These von der Ablösung der Rhetorik durch den Stil um 1800 wurde von zwei Seiten her infrage gestellt, einerseits mit Blick auf die Rhetorik im 17. Jahrhundert und andererseits durch Überlegungen zur Normierung von Stil in der Gegenwartskultur.
Stil im 18. Jahrhundert
Ergänzend dazu wurden Schreibart und Rhetorik im 18. Jahrhundert genauer untersucht. Die Vorstellung vom Stil als Einkleidung oder Ausschmückung des guten Gedankens trat allmählich zurück oder geriet unter Verdacht der Künstlichkeit und Verstellung. Beides wurde im Namen des bürgerlichen Ideals einer moralisch gefärbten Natürlichkeit abgewiesen. Vor diesem Hintergrund zeigen die Beiträge des 2024 erschienenen Sonderhefts Schreibarten im Umbruch. Stildiskurse im 18. Jahrhundert der Zeitschrift für deutsche Philologie, herausgegeben von Eva Axer, Annika Hildebrandt und Kathrin Wittler, wie Stil im 18. Jahrhundert zu einer wichtigen Reflexionsgröße für literarische und ästhetische Diskurse wurde.
Stil und Wissenschaft
Von Beginn an war die Untersuchung des Verhältnisses von Stil und Wissenschaft ein Kernanliegen des Projekts. Ein Ergebnis dieser Forschungen ist das von Eva Geulen und Claude Haas 2021 herausgegebene Sonderheft der Zeitschrift für deutsche Philologie zum Stil der Literaturwissenschaft. Dessen Beiträge untersuchen die stilistische Praxis von Literaturwissenschaftler:innen, für die Stil eine zentrale Analysekategorie darstellt. Der Fokus lag dabei auf deutschen Wissenschaftler:innen, weil die deutsche Wissenschaftstradition besonders strikt zwischen Objekt- und Metasprache trennt. Die Ausgangsfrage war vor diesem Hintergrund, ob diese Trennung sinnvoll ist und ob sie überhaupt gelingen kann.
Stil in der Gegenwartsliteratur
Einen besonderen Schwerpunkt bildete die Untersuchung stilistischer Tendenzen der neuesten Gegenwartsliteratur. Dazu ist unter anderem das von Pola Groß und Hanna Hamel 2022 herausgegebene und im Open Access erschienene Themenheft Neue Nachbarschaften. Stil und Social Media in der Gegenwartsliteratur der Zeitschrift Sprache und Literatur erschienen. Die Beiträge des Heftes ebenso wie verschiedene weitere Publikationen zeigen, wie die postdigitale Literatur stilistisch auf gesellschaftliche, durch die Digitalisierung geprägte Realitäten reagiert, wie sie gegenwärtige Lebensstile reflektiert und welche Effekte Stilgemeinschaften im Netz auf die Gegenwartsliteratur haben.
Stil und Moral
Den Abschluss des Schwerpunktprojekts bildete eine interdisziplinäre Tagung zum Verhältnis von Stil und Moral in Literatur, Kunst und Öffentlichkeit. Sie ging von dem Befund aus, dass die Autonomie der Kunst heute einerseits zusehends gegen an sie herangetragene ethische Bedürfnisse ausgespielt wird, während andererseits seit Langem komplexe, aber tabuisierte Zusammenhänge zwischen ästhetischen Wertungen und moralischen Werten bestehen. Diese treten in der Gegenwart verstärkt in den Blick und wurden im Rahmen der Tagung in exemplarischen historischen Konstellationen neu vermessen. Neben Fallstudien zu einzelnen Autor:innen wurden auch literarische Strömungen und Verfahren analysiert. 2027 wird dazu in der ZfL-Schriftenreihe Literatur- und Kulturforschung der von Eva Geulen, Pola Groß und Claude Haas herausgegebene Band Stil und Moral erscheinen.
siehe auch
- ZfL-Lesekreis: Stil
- Beiträge zum Thema Stil (im ZfL Blog)
Publikationen
Schreibarten im Umbruch. Stildiskurse im 18. Jahrhundert
Beiheft zur Zeitschrift für deutsche Philologie
Neue Nachbarschaften: Stil und Social Media in der Gegenwartsliteratur
Themenheft von Sprache und Literatur
STIL UND RHETORIK
EIN PREKÄRES PAAR UND SEINE GESCHICHTEN
Der Stil der Literaturwissenschaft
Sonderheft der Zeitschrift für deutsche Philologie
- Eva Geulen, Pola Groß, Claude Haas (Hg.): Stil und Moral. Göttingen: Wallstein 2027 (in Vorbereitung)
Georg Dickmann
- »Zu zweit schreiben ist ein Witz, ein gewolltes Missverständnis«. Zu Arme Avanessians und Anke Hennigs kollaborativer Poetik, in: ZfL Blog, 10.3.2021
Eva Geulen
- Schreibszene: Fanfiction (mit einer Fallstudie zu Joshua Groß), in: Hanna Hamel, Eva Stubenrauch (Hg.): Wie postdigital schreiben? Neue Verfahren der Gegenwartsliteratur. Bielefeld: transcript 2023, 51–68
- Einleitung. Stil und Rhetorik: Ein prekäres Paar und seine Geschichten, in: Interjekte 14 (2022): Stil und Rhetorik. Ein prekäres Paar und seine Geschichten, hg. von Eva Geulen und Melanie Möller, 4–7 (mit Melanie Möller)
- Der Stil der Literaturwissenschaft. Einleitung, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 140 (2021), Sonderheft: Der Stil der Literaturwissenschaft, hg. von Eva Geulen und Claude Haas, 1–15 (mit Claude Haas)
- Ohne Bühne. Stil bei Peter Szondi, in: ebd., 183–193
- »Folgeerscheinungen der rhythmischen décadence«. Rhythmus und Stil in Nietzsches »Ecce homo«, in: Boris Roman Gibhardt (Hg.): Denkfigur Rhythmus. Probleme und Potenziale des Rhythmusbegriffs in den Künsten. Hannover: Wehrhahn Verlag 2020, 91–103 (mit Elisa Ronzheimer)
- Unverfügbarkeit. Überlegungen zum Spätstil (Goethe, Adorno, Kommerell), in: Kai Sina, David Wellbery (Hg.): Goethes Spätwerk. On Late Goethe. Berlin: de Gruyter 2020, 15–24
- Geheimnis Gutachten (mit Hinweisen), in: ZfL Blog, 7.4.2020
- Was Stil sagt, in: ZfL Blog, 1.2.2019
- Zur Idee eines »innern geistigen Rhythmus« bei A.W. Schlegel, in: Zeitschrift für deutsche Philologie (2018), Sonderheft: August Wilhelm Schlegel und die Philologie, hg. von Matthias Buschmeier, Kai Kauffmann, 211–224
Pola Groß
- »Als Giftstoff ist er aller Kunst beigemischt«. Stil und Kitsch um 1900 mit Fallstudien zu Stefan George und Frank Wedekind, in: Scientia Poetica 29 (2025), 59–82
- Schlussmachen. Über Textenden in der deutschsprachigen Gegenwartsdramatik, in: Hannah von Sass (Hg.): Neue Dramatik. Berlin: Theater der Zeit 2025, 175–184
- Schreiben und Leben – Clarice Lispectors crônicas, in: ZfL Blog, 25.11.2024
- Mit Stil gegen Stil. Überlegungen zu einer Schlüsselkategorie bei Adorno, in: Wolfgang Fuhrmann, Gabriele Geml, Han-Gyeol Lie (Hg.): Worte ohne Lieder. Von der Sprachästhetik zur ästhetischen Theorie in Adornos musikalischen Schriften. München: text + kritik 2024, 239–260
- Pop-Nachbarschaften 3.0: Stil und Milieu bei Joshua Groß, Christian Kracht und Sibylle Berg, in: Stephanie Catani, Christoph Kleinschmidt (Hg.): Popliteratur 3.0? Soziale Medien und Gegenwartsliteratur. Berlin: de Gruyter, 87–102 (mit Hanna Hamel)
- Einleitung: Neue Nachbarschaften: Stil und Social Media in der Gegenwartsliteratur, in: Sprache und Literatur 51.1 (2022) = Neue Nachbarschaften: Stil und Social Media in der Gegenwartsliteratur, hg. von Pola Groß und Hanna Hamel, 1–17 (mit Hanna Hamel)
- »Die Sätze müssen lyrisch gebaut sein, sonst finde ich die nicht gut.« Rhetorik und Stil in der Gegenwartsdramatik von Thomas Köck, Enis Maci und Wolfram Höll, in: Interjekte 14 (2022): Stil und Rhetorik. Ein prekäres Paar und seine Geschichten, hg. von Eva Geulen und Melanie Möller, 78–95
- Stil und Haltung – Wolfgang Kayser, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 140 (2021), Sonderheft: Der Stil der Literaturwissenschaft, hg. von Eva Geulen und Claude Haas, 123–140
- »Eigentümlicher Denkzauber« und »die Aura der Begriffe«. Zum Zusammenhang von (Denk-)Stil, Sprache, Literatur und Interpretation bei Ludwik Fleck, in: Scientia Poetica 24 (2020), hg. von Andrea Albrecht u.a., 255–288
- Sehnsucht nach Stil (um 1900), in: Faltblatt zum ZfL Jahresthema 2020/21: EPOCHENWENDEN sowie auf dem ZfL Blog, 18.11.2020
- Neue Nachbarschaften? Stil und Social Media in der Gegenwartsliteratur, in: ZfL Blog, 17.3.2020 (mit Hanna Hamel)
- Stilisierung zum Kuschel-Philosophen. Zur Rezeption von Adornos »Aspekte des neuen Rechtsradikalismus«, in: ZfL Blog, 27.1.2020
Claude Haas
- War da was? Bemerkungen zum Kafka-Jahr 2024, in: ZfL Blog, 8.10.2024
- Kontrollierte Literatur. Überlegungen zur Gestik und Stilistik Leif Randts, in: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte (2023)
- Der Stil der Literaturwissenschaft. Einleitung, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 140 (2021), Sonderheft: Der Stil der Literaturwissenschaft, hg. von Eva Geulen und Claude Haas, 1–15 (mit Eva Geulen)
- Blüten. Stil bei Leo Spitzer, in: ebd., 43–58
- Neue Normalitäten – Stil heute, in: Geisteswissenschaftliche Zentren Berlin (Hg.): 25 Jahre Geisteswissenschaftliche Zentren Berlin. Berlin: GWZ 2021, 80–86
- Was ist Stil und wie sagt man es am besten?, in: ZfL Blog, 26.3.2021
Veranstaltungen
Claude Haas: Stil als unterdrücktes Problem in der Werkpolitik des George-Kreises
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Germanistisches Institut/Abteilung Komparatistik, Ludwig-Wucherer-Straße 2, Raum 1.10.0, Halle
Stil und Moral
Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Eberhard-Lämmert-Saal, Eingang Meierottostr. 8, 10719 Berlin
Pola Groß: Genie trifft KI – Kreativität, Künstliche Intelligenz und Literatur
Erich Auerbach Institute for Advanced Studies, 50937 Köln
Pola Groß: Stilbegriff und Stiluntersuchung bei Wolfgang Kayser und Jonas Fränkel
ETH Zürich
Claude Haas: Künstlichkeit im Überfluss. Überlegungen zur Gegenwartsliteratur
Universität Zürich, RAA-G-01, Aula, Rämistraße 59, 8001 Zürich, Schweiz
Pola Groß: Schlussmachen – Über Textenden in der deutschsprachigen Gegenwartsdramatik
Universität Zürich, Deutsches Seminar, Raum: SOD 002, Schönberggasse 9, 8001 Zürich
Pola Groß: Deep Dreaming – Monika Rinck, Hannes Bajohr, and Chat GPT
FAU Erlangen-Nürnberg
Claude Haas: Stil im Spannungsfeld von Singularität und Totalität
Universität Bielefeld
Georg Dickmann: Digitale und virtuelle Körper
Freie Universität Berlin, EXC 2020 Temporal Communities, Otto-von-Simson Straße 15, Raum 00.05, 14195 Berlin
Pola Groß: Mit Stil gegen Stil. Überlegungen zu einer Schlüsselkategorie bei Adorno
mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, Anton-von-Webern-Platz 1, 1030 Wien, Hauptgebäude, Bauteil C/Fanny Hensel-Saal
Eva Geulen: Stil und Moral in der »Minima Moralia«
Centre Marc Bloch, Friedrichstraße 191, 10117 Berlin
Eva Geulen: The styles of literary criticism
Wissenschaftskolleg zu Berlin, Wallotstraße 19, 14193 Berlin
Eva Geulen: Klassizität als Effekt überforderter Form bei Peter Szondi
Vortragssaal der Bibliotheca Albertina, Beethovenstrasse 6, 04107 Leipzig
Schreibarten im Umbruch. Stildiskurse im 18. Jahrhundert
Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, Aufgang B, 3. Etage
Pola Groß und Hanna Hamel: Netznachbarschaften 3.0: Autor*innen-Stile und Kollektive
Tübingen
Pola Groß und Hanna Hamel: Neue Nachbarschaften. Stil und Social Media in der Gegenwartsliteratur
online via Zoom
Pola Groß: Mit Stil gegen Stil. Überlegungen zu einer Schlüsselkategorie bei Adorno
online
Panel »Praktiken und Prozesse«, u.a. mit Georg Dickmann
online
Stil und Rhetorik: Ein prekäres Paar und seine Geschichten
Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, Aufgang B, 3. Etage, Trajekteraum
Georg Dickmann: »Sich an C19H28O2 anschließen« – Onto-epistemologie und ästhetische Praxis in Paul B. Preciados »Testo Junkie«
online
Neue Nachbarschaften. Stil und Social Media in der Gegenwartsliteratur
Online
Schreibarten – Stil im 18. Jahrhundert
ZfL, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, Aufgang B, 3. Etage, Seminarraum
Schulen, Gruppen, Stile. Denken, kollektiv betrachtet
ZfL, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, Aufgang B, 3. Etage, Seminarraum
›Firsthand Time‹. Documentary Aesthetics in the Long 1960s
ZfL, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, Aufgang B, 3. Etage, Seminarraum
Denkstil – Denkkollektiv – Sprache bei Ludwik Fleck
ZfL, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, Aufgang B, 3. Etage, Seminarraum
Assemblage
ZfL, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, Aufgang B, 3. Et.
Style: The Present Situation
Cabinet, Ebersstr. 3, 10827 Berlin
Beiträge
| Bücher im Gespräch Episode 14: Stil Im Podcast des ZfL sprechen Pola Groß und Claude Haas über die Bände Bände Neue Nachbarschaften: Stil und Social Media in der Gegenwartsliteratur und Der Stil der Literaturwissenschaft. |
