Workshop
10.02.2023

Unvollendetes, Zerbrochenes, Verlorenes: Über das Fragment

Ort: Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow, Goldschmidtstraße 28, 04103 Leipzig
Organisiert von Nicolas Berg (DI), Falko Schmieder (ZfL)

Viele historische Wörterbücher und propädeutische Nachschlagewerke enthalten keinen Eintrag »Fragment«, obwohl gerade die Arbeit mit Bruchstücken und Überlieferungslücken zu den Grundlagen aller historischen, historiographischen und auch geschichtstheoretischen Arbeit gehört. So müssen sich Historikerinnen und Historiker in anderen Fächern und Fachtraditionen kundig machen, um sich zu diesem Schlüsselbegriff der Geisteswissenschaften einen Überblick verschaffen zu können, im Historischen Lexikon der Rhetorik (1996) oder im Lexikon Ästhetische Grundbegriffe (2001) zum Beispiel, die je einen ausführlichen Eintrag enthalten. Gehören, so ließe sich im Anschluss an diese eingeschliffene Zuständigkeitsverteilung fragen, Begriff und Konzept des »Fragments« also eher in den Bereich von Ästhetik und Literatur, als in den der Geschichte? Und wenn dem so ist: Wie könnte man ihn in den Geschichts- und Kulturwissenschaften für die eigene Fachdiskussion und -tradition zurückholen und wieder produktiv machen?

Der Workshop möchte in verschiedenen Zugängen den Status des Fragments und des Fragmentarischen historisch wie geschichtstheoretisch und literaturästhetisch beleuchten und diskutieren. Gefragt wird nach dem dialektischen Verhältnis von Fragment und Ganzheit, nach ideellen Prägungen und materiellen Einschreibungen, nach der Symptomatik des Unvollendeten und Unvollständigen, des Zerbrochenen und des Zerstörten im und nach dem Holocaust und deren Bedeutung für die jüdische wie für die allgemeine Geschichtserfahrung der Moderne. Besonders die verschiedenen Formen und Gestalten des Fragments sollen Gegenstand der Diskussion sein – von der unvollständigen Überlieferung über Torso gebliebene Werke bis hin zur ästhetischen Norm des Fragmentarischen in unterschiedlichen Epochen, etwa in der Romantik, in der Postmoderne oder in der Literatur der Shoah. Im Zentrum des Arbeitsgesprächs steht stets die Frage nach den spezifischen Erkenntnispotentialen des Fragments.

 

Abb. oben: Anne Brannys: Essays on Oblivion (2016), Tusche auf Papier, erste Zeichnung einer dreiteiligen Serie, je 21 x 15 cm (Ausschnitt)

Programm

10.15

  • Yfaat Weiss (DI), Eva Geulen (ZfL): Eröffnung
  • Falko Schmieder (ZfL), Nicolas Berg (DI): Einführung

10.30 Begriffsreflexion und Dialektik des Konzepts

  • Caroline Jessen (DI): Formbegriffe und -metaphern in der Diskussion um den Novalis-Nachlass (1930–1960)
  • Lydia Schmuck (ZfL): Fragment als Begriff und Methode des Wörterbuchs »Ästhetische Grundbegriffe« – Eine Rekonstruktion aus den Archivmaterialien

13.30 Ideelle Prägungen und materielle Einschreibungen

  • Eva Geulen (ZfL): Zu Goethes Gebrauch von »Fragment« und »fragmentarisch«
  • Judith Siepmann (DI): Die materielle Spur des Fragments: Drei Objekte aus der Pinkus’schen Schlesierbücherei

16.30 Gewalt und Holocaust im Spiegel jüdischer Literaturen

  • Brett Winestock (DI): »A shtot iz farshvundn« (1925): Fragments of the Shtetl in Soviet Yiddish Literature
  • Anja Keith (ZfL): Berthie Philipps »Die Todgeweihten« (1949): Die Entstehung eines Romans in und nach Theresienstadt

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