Wozu Paläokritik? Spurensuchen zum Anthropozän
Vorstellung von Philipp Kohl: Ferne Enden. Tiefenzeit in Literatur und Wissenschaft vom Russischen Imperium bis zur Sowjetunion (Konstanz University Press 2025)
Seit der Debatte um das Anthropozän als vom Menschen geprägtes erdgeschichtliches Zeitalter hat die geologische Tiefenzeit verstärkt kulturwissenschaftliche Aufmerksamkeit erhalten. Doch das, was der Wissenschaftshistoriker Stephen Jay Gould als deep time beschrieben hat, nämlich die im 19. Jahrhundert populäre Vorstellung einer unermesslich langen Vorgeschichte des Menschen, ist nur auf den ersten Blick mit dem recht jungen Konzept des Anthropozäns verwandt. Denn dieses meint einen erdhistorisch gesehen sehr kurzen Zeitabschnitt, der auf der geologischen Zeitskala gerade erst begonnen hat.
Philipp Kohl fragt in seinem Buch Ferne Enden. Tiefenzeit in Literatur und Wissenschaft vom Russischen Imperium bis zur Sowjetunion, wie eine Literaturgeschichte der Tiefenzeit vor dem Anthropozän aussehen könnte. Die Studie plädiert für eine Paläokritik, die jene langen Zeiträume poetologisch zu erkunden vermag, die nicht nur im Anthropozän-Diskurs, sondern auch in den etablierten Paradigmen der Ökokritik und der Ökologie aus dem Blick geraten sind.
Wir stellen das Buch unter Beteiligung von Philipp Kohl (Ludwig-Maximilians-Universität München) und Susanne Strätling (Freie Universität Berlin) vor. Moderiert wird der Abend von Liola Mattheis und Georg Toepfer (beide ZfL).
Philipp Kohl ist seit 2018 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Slavische Literaturwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er forscht zur sozialistischen Populärwissenschaft, dem Verhältnis von Literatur und Wissenschaft und dem Ecocriticism in den slawischen Kulturen. Zuletzt erschien sein Buch Ferne Enden (Wallstein 2025).
Susanne Strätling ist Slawistin und Literaturwissenschaftlerin und seit 2020 Professorin für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen im Bereich der Medientheorie des Schreibens, der Begriffsgeschichte und transdisziplinärer Konzepte der Energie. Zuletzt war sie Mitherausgeberin des Sammelbandes Im Lichtozean (Matthes & Seitz 2025).
Liola Mattheis ist Kulturwissenschaftlerin und Doktorandin im Projekt Aitiologien in den Wirklichkeitserzählungen der Naturwissenschaften: Zur epistemischen Funktion von Ursprungs(re)konstruktionen am ZfL. Ihr Forschungsinteresse gilt kritischen Entwicklungs- und Naturbegriffen. Neben wissenschaftlichen Texten schreibt sie unter anderem für analyse & kritik und Texte zur Kunst.
Georg Toepfer ist Biologe und Philosoph. Er ist Ko-Leiter des Programmbereichs Lebenswissen und leitet die Projekte Diversität. Begriffe, Paradigmen, Geschichte und Aitiologien in den Wirklichkeitserzählungen der Naturwissenschaften: Zur epistemischen Funktion von Ursprungs(re)konstruktionen am ZfL. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Philosophie der Biologie sowie die Geschichte und Theorie biologischer Grundbegriffe. Er ist Mitherausgeber des Bands Wissensgeschichte des Verhaltens (De Gruyter 2025).
Abb. oben: Foto der Anthropologischen Ausstellung in Moskau 1879. Quelle: Komitet antropologičeskoj vystavki (Hg.): Vidy antropologičeskoj vystavki v Moskve 1879 g. Moskva: Šerer, Nabgol’c i Ko. 1879, 22.