Wozu Paläokritik? Spurensuchen zum Anthropozän
Vorstellung von Philipp Kohl: Ferne Enden. Tiefenzeit in Literatur und Wissenschaft vom Russischen Imperium bis zur Sowjetunion (Konstanz University Press 2025)
Seit der Debatte um das Anthropozän als vom Menschen geprägtes erdgeschichtliches Zeitalter hat die geologische Tiefenzeit verstärkt kulturwissenschaftliche Aufmerksamkeit erhalten. Doch das, was der Wissenschaftshistoriker Stephen Jay Gould als deep time beschrieben hat, nämlich die im 19. Jahrhundert populäre Vorstellung einer unermesslich langen Vorgeschichte des Menschen, ist nur auf den ersten Blick mit dem recht jungen Konzept des Anthropozäns verwandt. Denn dieses meint einen erdhistorisch gesehen sehr kurzen Zeitabschnitt, der auf der geologischen Zeitskala gerade erst begonnen hat.
Philipp Kohl fragt in seinem Buch Ferne Enden. Tiefenzeit in Literatur und Wissenschaft vom Russischen Imperium bis zur Sowjetunion, wie eine Literaturgeschichte der Tiefenzeit vor dem Anthropozän aussehen könnte. Die Studie plädiert für eine Paläokritik, die jene langen Zeiträume poetologisch zu erkunden vermag, die nicht nur im Anthropozän-Diskurs, sondern auch in den etablierten Paradigmen der Ökokritik und der Ökologie aus dem Blick geraten sind.
Wir stellen das Buch unter Beteiligung von Philipp Kohl (Ludwig-Maximilians-Universität München) und Susanne Strätling (Freie Universität Berlin) vor. Moderiert wird der Abend von Liola Mattheis und Georg Toepfer (beide ZfL).
Abb. oben: Foto der Anthropologischen Ausstellung in Moskau 1879. Quelle: Komitet antropologičeskoj vystavki (Hg.): Vidy antropologičeskoj vystavki v Moskve 1879 g. Moskva: Šerer, Nabgol’c i Ko. 1879, 22.