SchädelBasisWissen. Kulturelle Implikationen der plastischen Chirurgie des Schädels

Projektbeschreibung

Leitung: Sigrid Weigel (verantwortlich), Ernst-Johannes Haberl
Beratung: Michael Hagner
Wissenschaftliche Koordination: Uta Kornmeier (ZfL)

Gastwissenschaftler: Martin Kemp, Nichola Rumsey, Eva Wandeler

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Ausgangspunkt des Projekts ist die Diskrepanz zwischen den technisch avancierten Operationsverfahren in der plastischen Chirurgie und der vagen Begrifflichkeit in der wertenden, den Eingriff motivierenden Beschreibung ihrer ›Objekte‹. Untersucht wird die kultur- und wissenschaftsgeschichtliche Herkunft der impliziten kulturellen Norm- und Idealvorstellungen zum körperlichen Erscheinungsbild (und dessen Funktion als Indikator der Persönlichkeit), wie sie gegenwärtig im medizinischen Diskurs, in visuellen Darstellungen und in der medizinischen Praxis und Therapie zum Tragen kommen. Im Zentrum steht dabei der menschliche Schädel als Körperteil, das für Selbst- und Fremdwahrnehmung von zentraler Bedeutung ist.

Das Vorhaben antwortet auf den Bedarf einer spezialisierten chirurgischen Praxis (Korrektur von Schädelfehlbildungen an Säuglingsköpfen/Craniosynostosen an der Charité), kulturelle Voraussetzungen und Kontexte in Praxis und Therapie einzubeziehen. Ziel des Projekts ist es, die Voraussetzungen zu erarbeiten, die eine durch Wissen gestützte, reflektierte und patientenorientierte Arbeitsweise ermöglichen.

Im historischen Teil wird die Genese der Vorstellung von einem ›wohlgeformten‹ (Kinder-)Schädel erforscht, die aus der Wechselbeziehung zwischen medizinischem Wissen, Künsten und kultureller Semantik hervorgegangen ist. Der aktuelle Teil organisiert einen Austausch mit Ärzten und Patienten.

Gegenstand der drei Projektteile sind

  1. Texte (Lehrbücher und Fachartikel aus dem Gebiet der plastischen Chirurgie),
  2. Visualisierungen und Modelle als Normalitätsinstanz (Proportionsstudien für Künstler, Anatomie-Lehrbücher, medizinische Fotos, bildgebende Verfahren, therapievorbereitende Datenbanken),
  3. Praxis und Therapie (beobachtende Begleitung einzelner Fälle, Patienteninterviews).
gefördert von der VolkswagenStiftung »Schlüsselthemen der Geisteswissenschaften« 2011–2015
Kooperation: Forschungskooperation des ZfL mit der Pädiatrischen Neurochirurgie der Charité – Universitätsmedizin Berlin

Teilprojekte

Texte: Rhetorik und kulturelle Semantik des SchädelWissens in der Medizin

Bearbeitung: Simon Strick

Fokussierend auf die Genealogie und den zeitgenössischen Diskurs zum Phänomen der Craniosynostose, vermisst das Teilprojekt das diskursive Feld des »missgebildeten« Schädels. Seit der Entdeckung des vorzeitigen Verschlusses der Schädelnähte durch Virchow (ca. 1860), und der Etablierung routinisierter Behandlungsmethoden für Craniosynostose vor ca. 40 Jahren, hat sich das Vokabular zur Beschreibung von pathologischen Schädelformen stark verändert. Durch qualitative und rhetorische Analysen medizinischer Fachtexte, untersucht das Projekt die semantischen Felder, welche das Schädelwissen in diesem Zeitraum charakterisieren. Dabei stehen die kulturellen und historischen Konnotationen der medizinischen Sprache (z.B. »Missbildung«, »Deformität«) im Zentrum der Analyse, sowie die zugrunde liegenden kulturellen Vorannahmen, die Unterscheidungen zwischen »abweichenden« und »normalen« Schädelformen mitprägen und ermöglichen.

Visualisierungen: Schädelbilder in Kunst, Medizin und Statistik

Bearbeitung: Uta Kornmeier

Alle medizinischen Fachpublikationen arbeiten mit Visualisierungen (seien dies Zeichnungen, Fotografien, Diagramme oder durch bildgebende Verfahren generierte Bilder oder Modelle), die – wie Bild- und Medienwissenschaft gezeigt haben – keineswegs vorhandenes Wissen ›illustrieren‹, sondern an der Generierung von Wissen maßgeblich beteiligt sind.

Das Teilprojekt untersucht die spezifischen Rhetoriken dieser Abbildungen an aktuellen und historischen Beispielen im Umfeld der Craniosynostosen und arbeitet die Wechselwirkungen zwischen Bild und Text heraus.

Medizinische Praktiken: Arzt-Angehörigen-Interaktion

Bearbeitung: Birgit Griesecke

Diagnosen und Operationen von Craniosynostosen betreffen die Eigen- und Fremdwahrnehmung des menschlichen Individuums. Welche Erwartungen, Fragen, Zweifel und Hoffungen, welche Entscheidungswege und Verständigungsmuster kommen dort zur Geltung, wo gesellschaftliche Erwartungen, kulturelle Bedeutungsmuster und die Möglichkeiten avancierter Chirurgie aufeinandertreffen? Gespräche zwischen Ärzten und Patienten (bzw. deren nächsten Angehörigen), Äußerungen und Darstellungen in Foren, Blogs und Webpages, Informationsbroschüren, Ratgeberliteratur, fachliche und alltagspraktische Einlassungen können hierüber Aufschluss geben. Mittels semantischer Untersuchungen (Sprachspiel- und Sprechaktanalysen, Phrasemforschung) wird in diesem Teilprojekt der kulturelle Bedeutungsraum ausgelotet, in dem die Craniosynostosen verhandelt und behandelt werden: Wie kommen Einschätzungen von Form und Deformation explizit und implizit zur Sprache? Mit welchen sprachlichen Mitteln und argumentativen Einsätzen verläuft die Entscheidungsfindung für oder gegen eine Operation? Wie wird die zeitliche Dimension der Craniosynostose-Problematik (vorausgreifende Simulationen des wachsenden Schädels und zukünftiger Erfahrungen im sozialen Raum; konjunktivische Selbstverständigungen, rückblickende biographische Erzählungen) in Sprache gefasst?

Kulturgeschichtliche Untersuchungen zu Wechselwirkungen zwischen Kunst und plastischer Chirurgie

Dissertationsprojekt
Bearbeitung: Li Anna Töppe

Das Dissertationsprojekt untersucht Wechselbeziehungen zwischen Kunst und plastischer Chirurgie, wobei Fokus der Betrachtung die Suche nach Form und ihre Erzeugung in beiden Disziplinen darstellt.
Das Projekt will sich ihren Bestimmungen nähern, indem es das jeweils spezifische Verständnis vom Materialgebrauch sowie die Entwicklung und Umsetzung von Techniken in beiden Disziplinen Ende des 19. und im Verlauf des 20. Jahrhunderts erforscht. Auffassungen von Bewegung und Bewegungslosigkeit sowie von Körperformen werden mit einbezogen, um die Prozesse und Ergebnisse der »Produktionen« von Formen zu verstehen.

Publikationen

Veranstaltungen

Panel auf der Annual Conference of the German Studies Association
21.09.2014 · 12.30 Uhr

Medical Self-Fashioning. Twentieth and Twenty-first Century Case Studies at the Intersection of Medicine, Public Discourse, and Literature

Kansas City, Missouri Westin Kansas City at Crown Center, Penn Valley Room

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Interventionsausstellung
11.09.2014 – 11.01.2015 · 19.00 Uhr

Kopfarbeit. Videoperformances von Eva Wandeler

Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité, Charitéplatz 1, 10117 Berlin

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Workshop
12.07.2014 · 10.00 Uhr

Der Möglichkeitsraum des Digitalen in der Chirurgie

ZfL, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, 3. Et., Trajekte-Tagungsraum 308

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Workshop
15.05.2014 – 16.05.2014

Begriffswelten der Schädelchirurgie. Zur kulturellen Semantik von Craniosynostosen

ZfL, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, 3. Et., Trajekte-Tagungsraum 308

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Vortrag
29.04.2014 · 17.30 Uhr

Uta Kornmeier/Simon Strick: Anatomie und Ästhetik. Der Schädel als Objekt formgebender Chirurgie

Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité, Charitéplatz 1, 10117 Berlin, Hörsaalruine

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Vortrag im Rahmen der Ausstellung »Bin ich schön?«
14.01.2014 · 18.30 Uhr

Simon Strick: Digitale Schönheit. Avatare, Geschlechtsideale und das ›Uncanny Valley‹

Museum für Kommunikation, Leipziger Str. 16, 10117 Berlin-Mitte

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Vortrag
07.11.2013 · 13.30 Uhr

Uta Kornmeier: Visualising the skull - what is normal?

Oxford University Museum of Natural History and Pitt Rivers Museum

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Vortrag im Rahmen der Ausstellung »Bin ich schön?«
15.10.2013 · 18.30 Uhr

Uta Kornmeier: Schöne Effekte! Zwischen Heiligenschein und Stigma

Museum für Kommunikation, Leipziger Str. 16, 10117 Berlin-Mitte

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Vortrag
14.06.2013 · 09.00 Uhr

Ernst-Johannes Haberl/Uta Kornmeier: Schädelform als Wert. Chirurgische Korrektur von Schädelformen

Universität Freiburg, Platz der Universität, 79098 Freiburg, Aula, KG I

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Jahrestagung des ZfL/Annual Conference of ZfL
08.11.2012 – 10.11.2012 · 16.00 Uhr

Culture Meets Surgery. Images, Models, and Interpretations of the Human Skull

ZfL, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, 3. Et., Trajekte-Tagungsraum 308

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Medienecho

22.05.2015
Chirurg will Kopf transplantieren. Über die Bedeutung des Schädels [MP3]

Radiogespräch mit Uta Kornmeier zum Thema Kopftransplantation, in: Deutschlandradio Kultur, Sendung Studio 9 vom 20.05.2015, (7:39 min)

19.11.2014
Medizinhistorisches Museum: Ausstellung ›Kopfarbeit‹

Die Sonderausstellung mit dem Titel Kopfarbeiten kuratieren die Kunsthistorikerin Dr. Uta Kornmeier und Dirk Naguschewski. Zu sehen ist sie in der Charité noch bis zum 11. Januar 2015. Beitrag von Stefan Sperfeld, in: RBB Fernsehen, Sendung rbbpraxis vom 19.11.2014

11.09.2014
Kopfarbeit. Videoperformances von Eva Wandeler

Radiobeitrag, in: RBB Kulturradio am Vormittag, Sendung Kulturkalender vom 11.09.2014, 09.30 Uhr

20.11.2013
Michelangelos Skalpell

Vortragsaudio von Uta Kornmeier. Radiobeitrag zur Themenreihe Schönheit, in: DRadio Wissen, Sendung Hörsaal vom 20.11.2013 (29:26 min)

14.11.2013
Sketchy information. illustration as a tool of understanding

Symposium considers drawing’s role in refining and communicating knowledge, from geology to surgery to unicorns. Article by Matthew Reisz, in: Times Higher Education, 14.11.2013

01.07.2013
Der Wert des Körpers. Interdisziplinäres FRIAS-Symposion [PDF]

Tagungsbericht, in: FRIAS NEWS 08 (07/2013), S. 32-33

15.11.2012
Solche schönen Schädel gibt es nicht einmal in der Kunst

Die Kulturwissenschaftler wenden sich dem Körper zu. Jetzt trafen sie sich in Berlin zu einer Tagung mit plastischen Chirurgen. Artikel von Volker Breidecker, in: Süddeutsche Zeitung vom 15.11.2012

12.11.2012
Treffen der Kopfarbeiter [PDF]

Chirurgen, GeisteswissenschaftlerInnen und Kulturschaffende widmen sich auf einer Tagung dem Thema »Schädel«. Artikel von Elise Graton, in: tageszeitung vom 12.11.2012

10.11.2012
Mehr als nur Kopfgeburten: Kultur und Chirurgie kommen zusammen [MP3]

Eine Tagung des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin befasst sich mit Schädelformen. Interview mit Uta Kornmeier, in: Deutschlandfunk, Sendung Kultur heute, 10.11.2012, 17:30

30.06.2012
Herausforderungen für Wissenschaft und Gesellschaft [PDF]

Jahresbericht 2011 über den Förderbereich Herausforderungen für Wissenschaft und Gesellschaft der VolkswagenStiftung, in dem das ZfL-Projekt SchädelBasisWissen gefördert wird.

12.01.2012
Schädelbasiswissen [MP3]

Chirurgen und Kunsthistoriker untersuchen gemeinsam ästhetische Gesichtspunkte. Radiobeitrag von Anke Schäfer, in: Deutschlandfunk, Sendung: Aus Kultur- und Sozialwissenschaften vom 12.01.2012, 20:10 Uhr

12.01.2012
Verbesserte Behandlung von Schädelfehlbildungen bei Kindern [PDF]

Weiterentwicklungsprojekt des IBB Technologie-Entwicklungs-Fonds (TEF) ebnet den Weg für eine verbesserte Operationsmethode. Pressemeldung der ipal GmbH vom 12.01.2012

27.04.2011
Schädel nach Norm [PDF]

Von der Kopfform wird auf den Charakter geschlossen. Chirurgen und Kulturhistoriker bearbeiten das Gebiet gemeinsam. Artikel von Claudia Schmölders, in: Tagesspiegel vom 27.04.2011

02.04.2011
Schädelbasiswissen. Alles reine Kopfsache [PDF]

Artikel von Cornelia Werner, in: Hamburger Abendblatt vom 02.04.2011

31.03.2011
SchädelBasisWissen [MP3]

Apparate und Technik dominieren heute die Medizin. Doch es gibt Situationen, in denen es Ärzten nicht mehr ausreicht, nur die Technik, nur das Handwerk zubeherrschen. Radiobeitrag von Anke Schäfer, in: Inforadio RBB, Sendung: Wissenswerte - Forschung im Gespräch vom 31.03.2011, 10:25 Uhr

29.03.2011
Chirurgen suchen nach der optimalen Kopfform [PDF]

Chirurgen können heute seltsam gewachsene Schädel korrigieren. Doch wer oder was sagt ihnen, welche Form  eigentlich die beste ist? Artikel von Norbert Lossau, in: Die Welt vom 29.03.2011

28.03.2011
Berliner Neurochirurg geht neue Wege [PDF]

Ernst-Johannes Haberl will bei der Korrektur von Schädel-Fehlbildungen minimalinvasiv operieren. Artikel von Norbert Lossau, in: Berliner Morgenpost vom 28.03.2011

27.03.2011
Schädel-Basis-Wissen [PDF]

Deutsche Mediziner und Geisteswissenschaftler wollen gemeinsam ein Tabuthema aufarbeiten. Artikel von Norbert Lossau, in: Welt am Sonntag vom 27.3.2011

21.03.2011
Wie wir vom Kopf auf den Charakter schließen [PDF]

Pressemitteilung der VolkswagenStiftung vom 21.03.2011