Urform und Umbildung. Naturvorbilder und das Paradoxon künstlerischer Natürlichkeit

Im Archiv der Universität der Künste Berlin (UdK) befindet sich mit der Sammlung Karl Blossfeldt ein äußerst wertvoller Bestand von Naturbildern aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Blossfeldt stellte für den Aufbau einer Lehrmittelsammlung Gips- und Bronzemodelle, Zeichnungen und Fotografien her und unterrichtete bis 1930 in der Vorgängerinstitution der UdK das Fach »Modellieren nach lebenden Pflanzen«. Das Malen und Zeichnen ›nach der Natur‹ ist vor allem vor dem Hintergrund der Schaffung wissenschaftlicher Objektivität von Bedeutung, die mit vielfältigen Formen der Visualisierung einherging. Mit dem epistemologischen Umbruch von der Naturforschung als ganzheitlicher Anschauung zur Naturwissenschaft, die sich von einer philosophischen Grundierung emanzipierte, wandelte sich auch der Blick auf das Vegetabilische: Von einem Sehnsuchtsort wurde es zum Paradigma der ›Naturtreue‹, dem die Darstellung der Pflanze als Abbild eines vermeintlich ungetrübten Blickes auf die Wirklichkeit galt.

Blossfeldts 1928 veröffentlichter Bildband Urformen der Kunst mit Fotografien von Pflanzen verstand sich als Gegenkonzept zu Ernst Haeckels Kunstformen der Natur (1904). Im Gegensatz zu Haeckels Vorstellungen der ›Natur als Künstlerin‹ geht es bei Blossfeldt im Einsatz von Bildvorlagen für die künstlerische Produktion um Übertragungsvorgänge vom Biofakt zum Artefakt. Ausgehend von den Ergebnissen dieser ›Übersetzung‹ – den materiell-praktischen Methoden der fotografischen Vergrößerung, der Modellierung und des direkten Abgusses von Natur –  untersucht das Projekt das Konzept der ›Urform‹ in Konstellation mit gesellschaftlichen Programmen der ›Bildung‹ und der für Blossfeldt zentralen künstlerischen Praxis der ›Umbildung‹. Im Fokus stehen dabei das Verhältnis von Naturform und Kunstform und die damit verbundenen Bezüge zwischen Kunstnatur und Naturkunst.

Die Bildvorlage als ein spezifischer Typus didaktischer Bildlichkeit ist in der deutschen Forschungslandschaft nur selten zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen geworden. Das spezifische Interesse des Projektes besteht in der Kontextualisierung der bislang stets isoliert betrachteten Sammlung Blossfeldt mit anderen Konvoluten des Archivs, etwa dem kaum erforschten Bestand der Naturfotografien von Ottomar Anschütz. Mögen die historischen Sammlungsbestände der UdK ihre Bedeutung als Vorlagenbilder in der Lehre auch verloren haben, so gilt es doch, ihre Aktualität und ihre Potentiale als künstlerische Bildvorlagen in der Gegenwartskunst herauszustellen.

Abb. oben: Karl Blossfeldt, Fotografien von Pflanzen (Gelatinesilberabzüge), Sammlung Karl Blossfeldt, Universität der Künste Berlin, © Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur 2017

BMBF-Förderprogramm: Vernetzen – Erschließen – Forschen. Allianz für universitäre Sammlungen 2017–2020
Kooperation: Das Projekt ist Teil eines Verbundprojektes zum Thema »Bildvorlagen«, das in Kooperation mit der Universität der Künste und dem Münchner Stadtmuseum durchgeführt wird.

 

Veranstaltungen

Workshop
31.01.2018 – 01.02.2018

Bildvorlagen. Zwischen Ästhetik und Zweck

Archiv der UdK, Einsteinufer 43, 10587 Berlin / ZfL, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, 3. Et.

weiterlesen
Vortrag
15.09.2017 · 17.30 Uhr

Judith Elisabeth Weiss: Vom Biofakt zum Artefakt. Karl Blossfeldts Pflanzenkunde

Martin-Luther-Universität Halle Wittenberg, Institutsbereich Geobotanik und Botanischer Garten, Am Kirchtor 1, 06108 Halle (Saale), Großer Hörsaal

weiterlesen