Zum transgenerationellen Gedächtnis im heutigen Russland
Programm
Zum Vortrag
Kann man im heutigen Russland von einem
kollektiven Gedächtnis sprechen? In welcher Relation zueinander stehen
die massive Verdrängung von Schuld- und Verantwortungsfragen und die
Bildung neuer Mythen, die vor allem für die jungen Generationen
Russlands identitätsstiftend sein sollen?
Im Vortrag wird ein
allgemeines Bild der Identitätsprobleme zwischen verschiedenen
Generationen in der gegenwärtigen russischen Gesellschaft entworfen. Zu
den entscheidenden Differenzmerkmalen zählen Vergangenheitsprojektionen.
Dabei werden u.a. folgende Fragen diskutiert: Wie stark ist noch die
Wirkung der sowjetischen Erfahrung und in welchem Maße ist diese
Erfahrung heute von der kommunistischen Mobilisierungsideologie befreit?
Wie (wenn überhaupt) funktioniert noch die Erinnerung an die
politischen Massenrepressalien des 20. Jahrhundert? Was ist vom
kollektiven "Wir" geblieben? Wie werden Feind- und Fremdenbilder
transformiert? Eine der wichtigsten Fragen heute ist die Frage nach den
Folgen der traumatischen Erfahrungen für das Bild verschiedener
Generationen: Welche Wirkung haben diese für die Familiengeschichte?
Kann man von einer transgenerationellen Traumatisierung sprechen, und in
welchen Formen äußert sich eine Blockade der Wahrnehmung der eigenen
Vergangenheit? Gibt es konkurrierende Erinnerungen? Welche Rolle spielt
in den gegenwärtigen russischen Erinnerungskulturen die
Opfer-Täter-Frage?
Zur Person
Die
Journalistin, Historikerin und Übersetzerin Irina Scherbakowa ist
Mitarbeiterin der Internationalen Gesellschaft für Historische
Aufklärung, Menschenrechte und Soziale Fürsorge MEMORIAL (Moskau). Sie
ist u.a. Mitglied des Kuratoriums der Gedenkstätte Buchenwald in Weimar
und des internationalen Beirats der Stiftung Topographie des Terrors in
Berlin. 2005 wurde sie mit dem Verdienstkreuz der Bundesrepublik
Deutschland ausgezeichnet. Ihre Forschungsgebiete umfassen Oral History,
Totalitarismus, Stalinismus, Gulag und sowjetische Speziallager auf
deutschem Boden nach 1945, Fragen des kulturellen Gedächtnisses in
Russland und der Erinnerungspolitik.
Mit diesem Vortrag stellen wir Irina Scherbakowa als Honorary Member des ZfL vor.
Publikationen in deutscher Sprache (Auswahl)
"1917–1937–2007. Das Erbe des Stalinismus", in: Norbert Schreiber (Hg.): Russland. Der Kaukasische Teufelskreis oder die lupenreine Demokratie, Klagenfurt 2008; "Kontinuität oder Rückkehr? Bildzeugnisse des Stalinismus", in: Hans-Jörg Czech (Hg.): Kunst und Propaganda im Streit der Nationen 1930–1945, Dresden 2007; "Tschetscheniens Gedächtnis", in: Memorial/Heinrich-Böll-Stiftung (Hg.): Zu wissen, dass du noch lebst. Kinder aus Tschetschenien erzählen, Berlin 2006; Herausgeberin von: Russlands Gedächtnis. Jugendliche entdecken vergessene Lebensgeschichten, Hamburg 2003.