Mittwochsvortrag
02 Jul 2008 · 10.00 pm

Zum transgenerationellen Gedächtnis im heutigen Russland

Venue: ZfL, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, 3. Et., Trajekte-Tagungsraum 308

Program

Zum Vortrag
Kann man im heutigen Russland von einem kollektiven Gedächtnis sprechen? In welcher Relation zueinander stehen die massive Verdrängung von Schuld- und Verantwortungsfragen und die Bildung neuer Mythen, die vor allem für die jungen Generationen Russlands identitätsstiftend sein sollen?
Im Vortrag wird ein allgemeines Bild der Identitätsprobleme zwischen verschiedenen Generationen in der gegenwärtigen russischen Gesellschaft entworfen. Zu den entscheidenden Differenzmerkmalen zählen Vergangenheitsprojektionen. Dabei werden u.a. folgende Fragen diskutiert: Wie stark ist noch die Wirkung der sowjetischen Erfahrung und in welchem Maße ist diese Erfahrung heute von der kommunistischen Mobilisierungsideologie befreit? Wie (wenn überhaupt) funktioniert noch die Erinnerung an die politischen Massenrepressalien des 20. Jahrhundert? Was ist vom kollektiven "Wir" geblieben? Wie werden Feind- und Fremdenbilder transformiert? Eine der wichtigsten Fragen heute ist die Frage nach den Folgen der traumatischen Erfahrungen für das Bild verschiedener Generationen: Welche Wirkung haben diese für die Familiengeschichte? Kann man von einer transgenerationellen Traumatisierung sprechen, und in welchen Formen äußert sich eine Blockade der Wahrnehmung der eigenen Vergangenheit? Gibt es konkurrierende Erinnerungen? Welche Rolle spielt in den gegenwärtigen russischen Erinnerungskulturen die Opfer-Täter-Frage?

Zur Person
Die Journalistin, Historikerin und Übersetzerin Irina Scherbakowa ist Mitarbeiterin der Internationalen Gesellschaft für Historische Aufklärung, Menschenrechte und Soziale Fürsorge MEMORIAL (Moskau). Sie ist u.a. Mitglied des Kuratoriums der Gedenkstätte Buchenwald in Weimar und des internationalen Beirats der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin. 2005 wurde sie mit dem Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Ihre Forschungsgebiete umfassen Oral History, Totalitarismus, Stalinismus, Gulag und sowjetische Speziallager auf deutschem Boden nach 1945, Fragen des kulturellen Gedächtnisses in Russland und der Erinnerungspolitik.
Mit diesem Vortrag stellen wir Irina Scherbakowa als Honorary Member des ZfL vor.


Publikationen in deutscher Sprache (Auswahl)
"1917–1937–2007. Das Erbe des Stalinismus", in: Norbert Schreiber (Hg.): Russland. Der Kaukasische Teufelskreis oder die lupenreine Demokratie, Klagenfurt 2008; "Kontinuität oder Rückkehr? Bildzeugnisse des Stalinismus", in: Hans-Jörg Czech (Hg.): Kunst und Propaganda im Streit der Nationen 1930–1945, Dresden 2007; "Tschetscheniens Gedächtnis", in: Memorial/Heinrich-Böll-Stiftung (Hg.): Zu wissen, dass du noch lebst. Kinder aus Tschetschenien erzählen, Berlin 2006; Herausgeberin von: Russlands Gedächtnis. Jugendliche entdecken vergessene Lebensgeschichten, Hamburg 2003.