Die journalistische Form der Theorie. Die Zeitschrift »alternative« (1958–1982)

Das Promotionsprojekt hat sich mit dem Zusammenhang von Theoriebildung und Zeitschriftenpublizistik im Grenzbereich von politischer Bewegung, akademischer Wissenschaft und öffentlicher Intellektualität auseinandergesetzt. Im Mittelpunkt der Dissertation steht die marxistisch-strukturalistische Literatur- und Theoriezeitschrift alternative, die ab 1958 in Westberlin verlegt und 1982 ebenda eingestellt wurde. Ihre Jahrgänge decken die Frühphase der sogenannten Neuen Linken ebenso ab wie die Zeit der Studentenbewegung und das politische Krisenjahrzehnt der 1970er Jahre.
 
Die alternative operierte in medialen Umwelten, die in der Arbeit mit Blick auf intellektuelle Transfer- und Distinktionsprozesse untersucht worden sind. Einbezogen wurden deshalb auch weitere Pionierprojekte neulinker Publizistik wie die Zeitschriften der britischen First New Left nach 1956 (Universities & Left Review, The New Reasoner, New Left Review), die französische Arguments, die westdeutschen konkret und Kursbuch sowie generationelle Vorbilder dieser Zeitschriften wie Jean-Paul Sartres Les Temps Modernes. Theorie und Praxis des Zeitschriftenmachens lassen sich in einer longue durée politisch-intellektueller Publizistik verorten, weshalb die Studie historischen Bezügen der Neuen Linken zur sozialistisch-marxistischen Tradition und dem Junghegelianismus nachgegangen ist.
 
Zeitschriften sind nicht passive Container oder neutrale Spiegel einer Zeit, sondern dynamische Medien mit eigenen Zeitlichkeiten und Produktionslogiken, die spezifische Inhalte und Formen hervorbringen. Das Dissertationsprojekt hat danach gefragt, welche Erwartungen beteiligte Akteurinnen und Akteure an publizistische Projekte richteten und welche für ihre Theoriebildung relevanten Erfahrungen sie in ihnen teilten. Besonders in den zeitlich exponierten Momenten des Anfangs, des Endes oder des Nachlebens von Zeitschriften lässt sich beobachten, wie das Medium selbst zu einem Gegenstand theoretischer Reflexion wird. Die Arbeit zeigt schließlich, dass Theorie, im Sinne des seit den 1960er Jahren auftretenden Kollektivsingulars und Gattungsbegriffs, ein intellektuelles Phänomen war, dessen Geschichte in einem konstitutiven Zusammenhang mit dem Gebrauch des Mediums Zeitschrift stand.

Abb. oben: © Moritz Neuffer

ZfL-Promotionsstipendium 2017–2019
Leitung: Moritz Neuffer

Publikationen

Moritz Neuffer

  • Die journalistische Form der Theorie. Die Zeitschrift »alternative« 1958–1982. Göttingen: Wallstein (erscheint im Oktober 2021)
  • »Modell Zeitschrift. Rezeption als Produktion im französisch-deutschen Theorietransfer 1964–1969«, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 45.2 (2020), Themenschwerpunkt: Kulturwissenschaftliche Zeitschriftenforschung (II), 417–443
  • »Alternative Republik Tumult«, in: Kultur & Gespenster 20 (2019), 70–113 (mit Philipp Goll und Morten Paul)
  • »Intentionen der Vergangenheit. Kittsteiner und seine Frühschriften«, in: Reinhard Blänkner, Falko Schmieder, Christian Voller, Jannis Wagner (Hg.): Geschichtsphilosophie nach der Geschichtsphilosophie. Kulturgeschichtliche Perspektiven im Ausgang von Heinz-Dieter Kittsteiner. Bielefeld: transcript 2021, 21–50
  • »Editorial«, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 55.1 (2020), Themenschwerpunkt: Kulturwissenschaftliche Zeitschriftenforschung (I), 103–111
  • »Was ist und was will kulturwissenschaftliche Zeitschriftenforschung?«, in: ZfL Blog, 19.11.2018 (mit Patrick Eiden-Offe)
  • »Marxismus-Fatalismus. Heinz Dieter Kittsteiners Geschichtsphilosophie«, in: Zeitschrift für Ideengeschichte 11.3 (2017), 21–32 (mit Christian Voller)
  • Rezension zu Goering, D. Timothy (Hrsg.): Ideengeschichte heute. Traditionen und Perspektiven, Bielefeld 2017, in: H-Soz-Kult vom 29.9.2017
  • »›Gegen dieses 68‹. Zu Robert Stockhammer: 1967. Pop, Grammatologie und Politik«, in: ZfL Blog, 25.9.2017
  • »Arbeit am Material. Die Theorie-Dokumentationen der Zeitschrift alternative«, Essay in der Reihe »Sonderdruck«, Berlin 2017

Veranstaltungen

Vortrag
05.06.2018

Moritz Neuffer: Rereadings. ›68‹ as a History of Representations

Université Liège, Place du 20-Août 7, 4000 Liège, Salle de l'Horloge

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Vortrag
01.12.2017 · 14.30 Uhr

Moritz Neuffer: Was ist das Gegenteil von Apathie? Zur Publizistik der Neuen Linken um 1960

Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, Karl-Tauchitz-Straße 1, 04107 Leipzig

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Vortrag
05.10.2017 · 15.30 Uhr

Moritz Neuffer: Theory and Its Audience (Or Lack Thereof)

Humboldt-Universität zu Berlin, Unter den Linden 6, 10099 Berlin, R 2249a (Marmorsaal)

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KOSMOS Workshop der HU Berlin
05.10.2017 – 06.10.2017

Ideas in Print: Journalistic Forms in Intellectual History

Humboldt-Universität zu Berlin, Unter den Linden 6,10099 Berlin, R 2249a (Marmorsaal)

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Vortrag
13.07.2017 · 15.30 Uhr

Moritz Neuffer: Von der Selbstarchivierung zur digitalen Erforschung? Zum Gesamtverzeichnis der Zeitschrift »alternative«

ZfL, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, 3. Et.

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Vortrag
04.07.2017 · 10.00 Uhr

Moritz Neuffer: Theorie-Journalismus. Die Zeitschrift alternative im Kontext intellektueller Publizistik (1958–1982)

Zentrum für Zeithistorische Forschung, Am Neuen Markt 9d, 14467 Potsdam, Großer Seminarraum

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Vortrag
04.03.2017 · 11.15 Uhr

Moritz Neuffer: Documentation and Disclosure: Journalistic Practices in the History of Critical Theory

Deutsches Historisches Institut, 1607 New Hampshire Ave NW, Washington, DC 20009 (USA)

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