Erwin Schrödinger und die Versuchungen der (Wissenschafts-)Biografik
Vorurteilsgefüge und Mechanismen der Skandalisierung

Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 49.2, S. 135–293
2026
DOI 10.1002/bewi.70017

Seit Ende 2021 werden gegen den Physiker Erwin Schrödinger schwerwiegende Vorwürfe erhoben. Diese reichen von Pädophilie bis hin zu wiederholtem sexuellem Missbrauch. Diese Anschuldigungen haben den Ruf des Nobelpreisträgers in der Öffentlichkeit erheblich beschädigt. In der anhaltenden Debatte wird immer wieder die Frage aufgeworfen, ob und inwieweit diese Vorwürfe gerechtfertigt sind. Bislang litt die Diskussion unter einer unklaren Faktenlage, was unter anderem darauf zurückzuführen ist, dass wichtige Quellen nach wie vor weitgehend unzugänglich sind. Ein Grund dafür ist die Veröffentlichung der Biografie Schrödinger: Life and Thought von Walter Moore im Jahr 1989, die bereits zum Zeitpunkt ihres Erscheinens als problematisch galt. Der vorliegende Beitrag präsentiert eine Auswertung und Analyse bisher nicht untersuchter Quellen. Neben Schrödingers Tagebüchern, den sogenannten »Ephemeriden«, und Briefen der betroffenen Frauen wurden dazu zahlreiche Briefe und Forschungsnotizbücher aus dem wissenschaftlichen Nachlass Moores untersucht, um Einblicke in die Methoden des Biografen zu gewinnen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die in den Medien weit verbreiteten Vorwürfe auf eine Kombination aus unprofessioneller, suggestiver Biografik und mangelhafter journalistischer Arbeit zurückzuführen sind. Sie stützen die kursierenden Behauptungen über pädophiles oder sexuell missbräuchliches Verhalten Schrödingers nicht. (Verlagstext)

Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 49.2 (2026)

  • Editorial
  • Promoting the Mathematization of Physics: Hermann Minkowski’s Draft Presentations of His 1908 “Grundgleichungen” Paper
    Tilman Sauer
  • Strategien zur Etablierung der Neuen Deutschen Biographie: Die frühe Arbeitsweise am Beispiel der Mitarbeit Max von Laues 1952–1961
    Susan Splinter
  • Erwin Schrödinger und die Versuchungen der (Wissenschafts-)Biografik: Vorurteilsgefüge und Mechanismen der Skandalisierung
    Magdalena Gronau, Martin Gronau
  • In memoriam Fritz Krafft (10. Juli 1935 – 9. November 2025)
    Mitchell G. Ash, Cornelius Borck, Bettina Wahrig