Formen und Funktionen von Weltverhältnissen

Projektbeschreibung

Um 1900 proklamiert eine rasche Folge literarischer und künstlerischer Strömungen ihre Modernität. Doch nicht nur der emphatische Traditionsbruch der Avantgarden, sondern auch politische Umbrüche und historische Ereignisse wie der Erste Weltkrieg oder die Oktoberrevolution stellen die bisherigen gesellschaftlichen Verhältnisse in Frage. Zugleich findet ein wissenschaftsgeschichtlicher Umbruch statt, mit dem methodologische Fragen dringlicher werden, nachdem historistische Ansätze in Misskredit geraten waren und sich das Feld der universitären Disziplinen weiter ausdifferenzierte. In den Literaturwissenschaften bzw. der Literaturtheorie sind Versuche zu beobachten, eine (disziplinäre) Eigenständigkeit über eine Neukonstitution des Untersuchungsgegenstandes zu legitimieren. Dies ist in die historische Entwicklung ideengeschichtlicher Strömungen einzuordnen, etwa in die Auseinandersetzungen zwischen Materialismus und Idealismus oder die Auseinandersetzung der Avantgarden mit dem genie- und autonomieästhetischen Paradigma und dem tradierten Werk-Begriff.

Angesichts der krisenhaften Veränderungen verschärft sich die Frage nach dem Verhältnis von Literatur und Leben, aber auch von Literatur und Welt. Unter der Voraussetzung, dass historische Vorstellungen von ›Welt‹ anhand konkreter Denkformen zu erforschen sind, widmet sich das Projekt künstlerischen und literarischen Darstellungen sowie der Literaturtheorie. Als das weltgestaltende Potential von Kunst und Literatur wird hier nicht Welthaltigkeit verstanden, also nicht ein ›realistischer‹ Inhalt oder eine mimetische Abbildung von Welt, sondern die selbstreflexive Konstitution von ›Kunst‹ oder ›Literatur‹ als Gegenstand der Avantgarden und der Literaturtheorie. Das Projekt geht davon aus, dass in der krisenhaften Moderne ein Zusammenhang besteht zwischen der Ablösung von einem Weltbegriff, der als Inbegriff eines sinnvoll gegliederten Ganzen gilt, und der Zerschlagung von tradierten Werk- und anderen Ganzheitsvorstellungen, die gleichfalls Totalität und Harmonie suggerieren oder beschwören.

Dabei erweist sich der zu dieser Zeit zentrale Begriff der Form als ein wichtiges heuristisches Instrument. In ihm werden die entscheidenden Fragen nach dem Verhältnis von Teil und Ganzen, nach Kausalität und Relationalität brennpunktartig gebündelt und formuliert. Dabei stehen folgende Fragen im Vordergrund: Wie werden Relationen in Formen (Bauplan, Komposition etc.) und Relationen zwischen Formen konzeptionalisiert? Auf welcher ontologischen Ebene wird die Ursache von Form angesetzt, welche metaphysischen Konzepte werden dabei ggf. herangezogen? Diese Frage hat eine besondere Relevanz für die Untersuchung von Beziehungen zwischen Formbegriffen und Weltvorstellungen, da hier Vorstellungen von Schöpfung und Fragen der Selbstbegründung und -erhaltung in den Vordergrund treten.

Das Projekt gliedert sich in drei Teilprojekte, die den Zeitraum von 1900 bis 1930 abdecken.
Das Teilprojekt Messias des Unfugs. Künstlerische Avantgarde als Praxis der Welterlösung bei dem ›Oberdada‹ Johannes Baader (1875–1955) (Bearbeitung: Lutz Greisiger) widmet sich dem Dadaisten Johannes Baader, dessen Arbeiten in die Krise geratene Welt- bzw. Wirklichkeitsvorstellungen markieren, und eröffnet mithin den Kontext der frühen Avantgarden.
Das Teilprojekt Relational Ontology of Literary Theory. Spinoza, Russian Formalism and Soviet Marxism (Bearbeitung: Siarhei Biareishyk) beschäftigt sich mit dem russischen Formalismus als einer außerakademischen Literaturtheorie, die sich mit den Avantgarden und dem Marxismus auseinandersetzte.
Das Teilprojekt Das Werk als Welt – die Welt als sprachliches Feld. Das Konzept der ›inneren Form‹ in der Literaturtheorie des frühen 20. Jahrhunderts (Bearbeitung: Eva Axer) bezieht sich auf die institutionalisierte Germanistik, die in Deutschland in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts insbesondere gattungs- und formtheoretische Fragen aufwirft.

Das Projekt befasst sich aus verschiedenen Perspektiven mit Korrelationen künstlerischer und literarischer Formbegriffe und Weltvorstellungen und trägt so im Forschungsschwerpunkt Weltliteratur zu einer Verhandlung des Weltbegriffs jenseits der Weltliteratur-Debatte bei.

Programmförderung Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) 2017–2019
Leitung: Eva Axer
Gäste: Werner Michler

Veranstaltungen

Seminar auf der 42. GSA Jahreskonferenz
27.09.2018 – 30.09.2018

Literary Morphology. Theories of Dynamic Form before and after Goethe

Wyndham Grand Pittsburgh Downtown, 600 Commonwealth Pl, Pittsburgh 15222 (USA)

weiterlesen
Interner Workshop
31.05.2018 – 01.06.2018

Die ›neuen Formalismen‹ – Form, Geschichte, Gesellschaft

ZfL, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, Seminarraum 303

weiterlesen