Theoriebildung im Medium von Wissenschaftskritik

Projektbeschreibung

›Theorie‹ als Inbegriff verschiedener Diskurse zwischen den 1960er und 1990er Jahren wird bis heute verschiedentlich mit einem antiwissenschaftlichen oder zumindest antiakademischen Affekt assoziiert, der in die Vergangenheit zurückweist. Diese Vorgeschichte der Theorie im Zusammenhang mit der um 1900 prominenten ›Krise der Wissenschaften‹ steht im Zentrum des Projekts. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Affinität der Theorie zur Literatur, denn schließlich fühlt sich Theorie genau wie Literatur zuständig für alles diskursiv oder begrifflich nicht unmittelbar Einholbare. Das Projekt untersucht die in bestimmten Rhetoriken, Darstellungsmodi oder gar Medien kanonisierten Denkstile, mit denen Autoren oder Gruppen ihre prekäre Position zu stabilisieren suchen. Dazu gehören sowohl Rekurse auf nicht-wissenschaftliche Autoritäten wie Lehrer oder Propheten als auch solche auf nicht fachlich organisierte Denkfiguren wie das Tragische oder das Dämonische.

Den Fluchtpunkt des Projekts bildet das Problem der Adressierung und die Frage nach immanenten oder imaginären Adressaten theoretischen Sprechens. Wen adressiert Theorie überhaupt als Leser und wie wird er adressiert? Welche Rhetoriken, Argumentationsstrategien und Textformate mobilisiert Theorie, um ihre Adressaten wohin führen zu können? Bildet Theorie gerade in der deutschen Tradition eine monumentale Subjektivität aus oder setzt sie im Gegenteil auf Kommunikation? Verfolgt sie kultische oder emanzipatorische Interessen und welchen Sozialmodellen versucht sie ihrem Selbstverständnis nach den Weg zu bereiten? Landet ihr Adressat idealerweise in einem elitären Zirkel (und damit vielleicht in der Schwundstufe eines Ästhetischen Staats) oder soll er mittels der Theorie als universalistisch imaginierter Intellektueller in Erscheinung treten?

Das im Forschungsschwerpunkt Theoriegeschichte angesiedelte Projekt geht davon aus, dass sich gerade auf dieser Ebene des theoretischen Diskurses Formationen untersuchen lassen, die quer zu den Schulen und Fraktionen liegen und zu einer interdisziplinären Historisierung der Theoriebildung entscheidend beitragen können.

Programmförderung BMBF 2017–2019
Leitung: Claude Haas