Figuren des Wissens. Begriffsgeschichte nach dem cultural turn

Die Realisierung der lexikalischen Großprojekte zur Begriffsgeschichte (Geschichtswissenschaft, Philosophie, Rhetorik, Ästhetik etc.) wurde von einer kulturwissenschaftlichen Wende der Geisteswissenschaften begleitet, die keineswegs zu einem abnehmenden Interesse an Begriffsgeschichte und historischer Semantik, vielmehr zu ihrer doppelter Öffnung geführt hat: zum einen zur Erweiterung des Gegenstandfeldes durch Überwindung segmentierter Kulturbegriffe, durch die Erweiterung der Wissenschafts- zur Wissensgeschichte, durch Einbeziehung von Praktiken und Medien sowie insbesondere der Naturwissenschaften, deren Semantik bislang kaum historisch reflektiert wurde. Zum anderen ist die jüngere Bedeutungsforschung in methodischer Hinsicht stärker an einer Verbindung diskurstheoretischer, sprachpragmatischer, metaphern-, etymologie- und mediengeschichtlicher Fragestellungen interessiert; zugleich ergeben sich mit der Digitalisierung und Vernetzung des Wissens, neben neuen technischen Möglichkeiten, Fragen nach der Repräsentation der Ordnung des Wissens.

In einem ersten Schritt resümierte das Projekt die bisherigen begriffsgeschichtlichen und historisch-semantischen Forschungen und Debatten im nationalen und internationalen Rahmen, die in einem Nachfolgeprojekt zur interdisziplinären Begriffsgeschichte in einem Handbuch der Begriffsgeschichte und historischen Semantik mündeten. Dazu fand bereits 2004 eine Tagung mit Begriffsgeschichte befaßter Projekte statt, die in dem Band Begriffsgeschichte im Umbruch dokumentiert ist. In einer weiteren historischen Perspektive wurden die diskursiven Voraussetzungen von Begriffsgeschichte analysiert, in einer engeren die disziplinären Projekte verglichen, ihre Realisierung an ihren Ansprüchen gemessen, der Forschungsstand der theoretisch-methodischen Debatten zusammengefaßt sowie begriffsgeschichtliche Experimente gesichtet. Ausgehend von diesem Resümee begriffsgeschichtlicher Unternehmungen und ihrer Desiderate wurde in der zweiten Projektphase methodisch und organisatorisch ein kulturwissenschaftlich-interdisziplinäres Wörterbuch konzipiert. Dabei wurde ›Figur‹ als ein heuristisches Instrument erprobt werden, mit dem die Dichotomien von konzeptualisiertem Begriff, Metapher, Diskurs und Sprachpragmatik unterlaufen werden, um insbesondere semantische Transfers, Übersetzungen und Registerwechsel zwischen Wissensformen zu erfassen.

gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) 2005–2007

Publikationen

Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (Hg.)

Figuren des Wissens

Trajekte 16
Berlin 2008, 52 Seiten
ISSN: 1616-3036
Ernst Müller (Hg.)

Begriffsgeschichte im Umbruch?
Archiv für Begriffsgeschichte: Sonderheft 4 (Jg. 2004)

Meiner Verlag, Hamburg 2005, 200 Seiten
ISBN 978-3-7873-1693-9

Veranstaltungen

Tagung
20.02.2004 – 21.02.2004 · 01.00 Uhr

Begriffsgeschichte im Umbruch

ZfL, Jägerstr. 10/11, 10117 Berlin-Mitte, R. 06

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Medienecho

30.06.2004
Begriffsgeschichte im Umbruch

Bericht von Michael Niedermeier, in: circular, 8. Jg. (Juli 2004), Heft 29 – Mitteilungsblatt der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften