Intensität. Wirkungskonzepte in religiösen und ästhetischen Diskursen der Moderne

Gegenstand des Projektes waren ästhetische Konzepte und literarische Praktiken in der Epoche der europäischen Moderne, die sich mit der Wirkungsweise von Sprache auseinandersetzen. Dabei handelt es sich um Entwürfe, die von einer intensiven, der Sprache immanenten Wirkung ausgehen oder diese inszenieren. Das Erkenntnisinteresse des Projektes war auf die Frage gerichtet, inwieweit diese Wirkungskonzepte und Inszenierungen durch diskursive Präfigurationen aus dem Bereich der Religion bestimmt sind. Im Mittelpunkt der Untersuchungen standen ästhetische Konzepte und literarische Praktiken aus dem slavischen Sprachraum, die in den gesamteuropäischen Kontext gestellt wurden.

Die gewählte Untersuchungsperspektive bot Anknüpfungspunkte für eine Erörterung medientheoretischer, interkultureller und interreligiöser Aspekte. Als medientheoretisch anschlussfähig erwiesen sich Fragen zur Sendung oder Mitteilung, die auch psychophysische Übertragungsweisen einbeziehen (Suggestion, Hypnose, psychische Ansteckung, Telepathie). Zudem eröffnete der Forschungsansatz die Möglichkeit, die uns interessierenden ästhetischen Konzepte in Bezug zu setzen zur Rhetorik in verschiedenen Religionen (katholisch, protestantisch, jüdisch, russisch-orthodox). Drittens wurde schließlich gefragt, inwieweit kulturelle und religiöse Selbstbeschreibungsmodelle sprachphilosophische Fragestellungen berücksichtigen, wie beispielsweise für den russischen Bereich – im Unterschied zum westeuropäischen – ein Zusammenhang zwischen Wort und Tat postuliert wurde, dem im Kontext der Orthodoxie eine gemeinschaftsstiftende Funktion zugesprochen worden ist.

gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) 2005–2008
Leitung: Tatjana Petzer, Franziska Thun-Hohenstein

Teilprojekte

Ruf und Name

Leitung: Sandro Zanetti

Das Teilprojekt beschäftigte sich mit der spezifischen Konjunktur des Rufs als Sprachwirkungsmodell während und nach dem Ersten Weltkrieg. Gegenüber dem ›Ruf des Vaterlandes‹ werden in dieser Zeit – von Franz Rosenzweig, Walter Benjamin, Margarete Susman, Martin Buber bis hin zu Martin Heidegger – eine ganze Reihe von alternativen Rufmodellen entwickelt. Diese Modelle, so unterschiedlich sie im Einzelnen auch sind, können allesamt als Versuche interpretiert werden, das in der jüdischen und christlichen Überlieferung besonders ausgeprägte dialogische Sprachverständnis – Angerufenwerden, Erhören und Antworten: zwischen Gott und Mensch, Mensch und Mensch sowie auch im inneren Dialog eines einzelnen Menschen – für ihre jeweiligen, mehr oder minder säkularisierten Konzeptionen von Sprache grundsätzlich neu zu deuten. Der Ruf steht in all diesen Konzeptionen für eine sprachliche Adressierung, die der Mitteilungsfunktion von Sprache vorausgeht – oder ihr zuwiderläuft. Der Aufruf beim Namen ist dabei von besonderer Bedeutung. Im Zentrum des Teilprojekts stand einerseits die Auseinandersetzung mit den religiösen, ästhetischen, technologischen und politischen Präfigurationen der jeweiligen Sprachkonzeptionen, andererseits die Frage nach deren Implikationen und Konsequenzen, die bis in aktuelle Theoriebildungen hineinreichen.

Ansteckung

Leitung: Sylvia Sasse

Lev Tolstoj stellt in seiner zwischen 1882–1897 verfassten ästhetologischen Streitschrift Čto takoe iskusstvo? (Was ist Kunst?) einen Begriff in den Mittelpunkt, den er als zentrales Wirkungsprinzip von Kunst bestimmt: Ansteckung (zaraženie). Ausgehend von diesem Konzept literarischer Übertragung untersuchte das Teilprojekt Auseinandersetzungen mit dem Tolstojschen Wirkungsmodell im Sprachdenken der Moderne, die sich im Schnittpunkt religiöser, ästhetischer, naturwissenschaftlicher und politischer Entwürfe situieren lassen. Dabei wurden drei ›Linien‹ der Auseinandersetzung berücksichtigt:

  1. die Weiterführung von Tolstojs ästhetisch religiösem Konzept im Gottbauertum (bogostroitel’stvo), in Lunačarskijs proletarischer Kulturtheorie und im Sozialistischen Realismus;
  2. der Transfer von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen in die Überlegungen zur Objektivierbarkeit und Messbarkeit von Wirkung und Wirksamkeit von Sprache;
  3. die Verfremdung von Wirkung und Übertragung in literarischen und theatralen Konzepten (Reaktionslosigkeit, Fehlreaktionen).

Verkündigung

Im Teilprojekt Verkündigung wurden literarische Schreibpraktiken und Textstrategien analysiert, die Redegenres und rhetorische Gesten verkündigenden Sprechens inszenieren, simulieren oder auch demontieren und dabei auf religions- bzw. sprachphilosophische Konzepte rekurrieren bzw. eigene entwickeln. Bei den Untersuchungsgegenständen lassen sich drei verschiedene literarische Umgangsweisen mit dem rhetorischen Pathos der Verkündigung unterscheiden: Erstens entstanden im Umfeld des »mythopoetischen Symbolismus« (A. Hansen-Löve) künstlerische Entwürfe, in denen mit Hilfe einer religiös aufgeladenen Sprachemphase eine Unmittelbarkeit des religiösen Erlebnisses reinszeniert wird (u.a. bei Vjačeslav Ivanov). Zweitens simulierten Dichter des russischen Futurismus (wie z.B. Velimir Chlebnikov oder Vladimir Majakovskij) prophetische Sprechakte, deren rhetorische Figuren die religiösen Bezüge des intendierten utopischen Wirkungspotentials eher bloßlegen, denn verbergen. Prophetisches Sprechen hat immer etwas mit Macht und Vollmacht zu tun. Vor diesem Hintergrund wurde drittens die Auseinandersetzung Andrej Platonovs mit dem politisch-verkündenden Gestus des Sozialistischen Realismus untersucht. Platonov setzt an der Sprache selbst ein und deckt die Ausweglosigkeit auf, in die das Dasein gerät, wenn Menschen sich im buchstäblichen Sinne einlassen auf die »in der Sprache eingebettete revolutionäre Eschatologie« (J. Brodsky).

Erweckung

Leitung: Tatjana Petzer

Viktor Šklovskij, eine Leitfigur der russischen Formalisten, stellt in »Voskrešenie slova« (1914; Die Erweckung des Wortes) den ästhetischen Effekt des transformierten, erneuerten Wortes als wesentliches Verfahren insbesondere der russischen Futuristen heraus. Die Erweckung des Wortes (logos) zielt auf das Durchbrechen erstarrter Wahrnehmungsautomatismen, auf das novoe videnie (Neue Sehen). Anknüpfend an Šklovskijs Wirkungskonzept arbeitete das Projekt die diskursüberschreitende Aisthetisierung des logos heraus.
Untersuchungsgegenstand waren 1. Schriftsteller und Philosophen, die in ihrem religiösen bzw. spirituellen Denken eine besondere diskursive Praxis und Rhetorik zeigen (bspw. Pavel Florenskijs sprachphilosophische Indexikalisierung des logos in der Tradition der imjaslavie (Onomatodoxie), Vasilij Rozanovs schöpferische Gedankenminiaturen); 2. Texte, die Erweckung als ›Konversion‹ theoretisieren oder als diskursives Phänomen implizieren (bspw. Nikolaj Fedorovs Auferweckungstheorie, Petr D. Uspenskijs [Ouspensky] Konzept der »Vierten Dimension« im Dialog mit Georgij I. Gurdžievs [Gurdjieff] »Viertem Weg«); 3. die Erweckung und Wandlung zum ›Neuen Menschen‹ als Motiv und Leitbild im Text und Subtext ästhetischer Diskurse: Im Hinblick auf gesellschaftliche Transformationen und Disziplinierungsprozesse wurden der Einfluss herauskristallisiert, den die Popularisierung naturwissenschaftlich-technischer Entdeckungen oder von Geheimwissen auf das Denken hat, sowie Phantasmen offengelegt, die zu Ideologemen und Handlungsstrategien des Alltags werden. In diesem Zusammenhang wurde der  Frage nachgegangen, ob das novoe videnie eine Ethik der Wahrnehmung impliziert.

Publikationen

Tatjana Petzer, Sylvia Sasse, Franziska Thun-Hohenstein, Sandro Zanetti (Hg.)

Namen
Benennung – Verehrung – Wirkung. Positionen in der europäischen Moderne

LiteraturForschung Bd. 8
Kadmos, Berlin 2009, 304 Seiten
ISBN 978-3-86599-077-8

Tatjana Petzer

  • »Pavel und Aleksej, Narren um Christi willen. Zur psychophysischen Wirksamkeit von Namen bei Pavel A. Florenskij«, in: Tatjana Petzer, Franziska Thun-Hohenstein, Sylvia Sasse, Sandro Zanetti (Hg.): Namen: Benennung – Verehrung – Wirkung. Berlin: Kadmos 2009, 121–141
  • Verfahren der Erweckung. Zur transdiskursiven Aisthetisierung des logos in der russischen Moderne

Franziska Thun-Hohenstein

  • »›Dem neuen Namen Ebenbild sein‹. Andrej Platonovs Poetik des Namens und der frühsowjetische Namenskult«, in: Tatjana Petzer, Franziska Thun-Hohenstein, Sylvia Sasse, Sandro Zanetti (Hg.): Namen: Benennung – Verehrung – Wirkung. Berlin: Kadmos 2009, 143–164

Sylvia Sasse

  • »Mnimyj zdorovyj. Teatroterapija Nikolaja Evreinova v kontekste teatral’noj ėstetiki vozdejstvija« (Der eingebildete Gesunde. Die Theatertherapie Nikolaj Evreinovs im Kontext theatraler Wirkungsästhetik), in: Riccardo Niccolosi, Aleksandr Bogdanov (Hg.): Medicina i russkaja literatura. Ėstetika, Ėtika, Telo. Moskva: Novoe izdatel’stvo 2006, 209–219
  • »Pathos und Antipathos. Pathosformeln bei Sergej Ėjzenštejn und Aby Warburg«, in: Cornelia Zumbusch (Hg.): Pathos. Zur Geschichte einer problematischen Kategorie. Berlin: de Gruyter 2010, 171–190

Sandro Zanetti

  • »1919. Margarete Susman und die Politik des Namens«, in: Tatjana Petzer, Franziska Thun-Hohenstein, Sylvia Sasse, Sandro Zanetti (Hg.): Namen: Benennung – Verehrung – Wirkung. Berlin: Kadmos 2009, 209–224

Veranstaltungen

Workshop
04.05.2007 – 05.05.2007 · 02.00 Uhr

Namen. Benennung, Verehrung, Wirkung (1850–1930)

ZfL, Schützenstr. 18, 3. Etage, 10117 Berlin, Trajekte-Tagungsraum 308

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