Negative Anthropologie. Geschichte und Potential einer Diskursfigur

Es gehört zur paradoxen Situation der gegenwärtigen Geisteswissenschaften, dass in den Humanities nichts so sehr umstritten ist wie der Status des Humanen selbst. Während der Posthumanismus das poststrukturalistische Leitmotiv des Anti-Essentialismus zum Programmpunkt erhebt, hat sich seit einigen Jahren unter dem Stichwort des Anthropozän ein Forschungsparadigma etabliert, das gerade die geologisch relevanten Interventionen des Anthropos zum Hauptthema macht. Damit ist gleichermaßen ein Ver- und ein Gebot formuliert, den Menschen zu bestimmen.
Zwischen diesen beiden Polen verspricht eine vor allem in Deutschland wirkmächtige Denktradition des 20. Jahrhunderts vermitteln zu können. In verschiedener Form ist dort immer wieder der Versuch unternommen worden, eine ›negative Anthropologie‹ zu formulieren. Idealtypisch ist damit ein Denken gemeint, das einer starken Definition des Menschen aus dem Weg geht und ihn trotzdem weiterhin zum Gegenstand macht.
Ziel dieses Forschungsprojektes war eine normative Rekonstruktion negativer Anthropologie als Diskursfigur. Dabei war erstens die Verschlingung von Traditionen nachzuvollziehen, die sich zwischen der philosophischen Anthropologie als Schultradition, der Kritischen Theorie und dem Existentialismus ergeben und zweitens ihr systematisch normativer Kern zu rekonstruieren. Schließlich sollte die Anwendbarkeit dieses Paradigmas beispielhaft auf den Feldern der Politischen Theorie und der Literaturwissenschaft erprobt werden.

Bild oben: »Non vitruvian man«. Collage von Hannes Bajohr/Timo Schröder auf Grundlage von Leonardo da Vinci: L'Uomo Vitruviano, Quelle: Wikimedia

Programmförderung Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) 2017–2019
Leitung: Hannes Bajohr

Publikationen

Hannes Bajohr, Sebastian Edinger (Hg.)

Negative Anthropologie
Ideengeschichte und Systematik einer unausgeschöpften Denkfigur

Philosophische Anthropologie, Bd. 12
de Gruyter, Berlin/Boston 2021, 304 Seiten
ISBN 978-3-11-071687-0 (Print); 978-3-11-071701-3 (PDF)

Edited, translated, and with an introduction by Hannes Bajohr, Florian Fuchs, and Joe Paul Kroll

History, Metaphors, Fables
A Hans Blumenberg Reader

signale|TRANSFER: German Thought in Translation
Cornell University Press and Cornell University Library, Ithaca (NY) 2020, 624 Seiten
ISBN 978-1-5017-3282-9 (Hardcover); 978-1-5017-4798-4 (Paperback); 978-1-5017-4799-1 (E-Book)
Hannes Bajohr (Hg.)

Der Anthropos im Anthropozän
Die Wiederkehr des Menschen im Moment seiner vermeintlich endgültigen Verabschiedung

de Gruyter, Berlin 2020, 244 Seiten
ISBN 978-3-11-066525-3 (Print), 978-3-11-066855-1 (E-Book PDF), 978-3-11-066547-5 (E-Book EPUB)
Hannes Bajohr (Hg.)

Judith N. Shklar: Verpflichtung, Loyalität, Exil

Fröhliche Wissenschaft Bd. 130
Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2019, 88 Seiten
ISBN 978-3-95757-570-8
Hannes Bajohr, Rieke Trimҫev (Hg.)

Themenheft zur politischen Theorie von Judith N. Shklar

ZPTh – Zeitschrift für Politische Theorie, Jahrgang 9, Heft 2/2018
Verlag Barbara Budrich, Leverkusen-Opladen 2018

Weitere Publikationen von Hannes Bajohr

Veranstaltungen

Workshop
24.01.2019 – 26.01.2019

Der Anthropos im Anthropozän. Die Wiederkehr des Menschen im Moment seiner vermeintlich endgültigen Verabschiedung

ZfL, Schützenstr. 18, 10117 Berlin, 3. Et., Trajekte-Tagungsraum

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Vortrag
14.06.2018 · 14.30 Uhr

Hannes Bajohr: Grundverschieden. Hans Blumenbergs immanente und transzendente Theorien von Sprache, Ästhetik und Geschichte

Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Geschwister-Scholl-Straße 2, 55131 Mainz

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