Mareike Schildmann

Poetik der Kindheit
Literatur und Wissen bei Robert Walser

Wallstein Verlag, Göttingen 2019, 504 Seiten
ISBN 978-3-8353-3487-8

»Ich war eigentlich nie Kind, und deshalb, glaube ich zuversichtlich, wird an mir immer etwas Kindheitliches haften bleiben.« Diese Erkenntnis aus Walsers Tagebuchroman »Jakob von Gunten« formuliert das Programm eines literarischen Werkes, dessen eigenwillige Ästhetik immer wieder den Vorwurf des Kindlichen und Naiven auf sich gezogen hat.

Mareike Schildmann rekonstruiert den Einsatz einer Poetik der Kindheit bei Walser vor dem Hintergrund einer Wissensgeschichte um 1900, in der das Kind zum maßgeblichen Medium der anthropologischen, politischen und kulturellen Selbstverständigung wird. Zwischen dem humanwissenschaftlichen Projekt einer Erforschung der »Seele des Kindes«, das von neuen Disziplinen wie der Entwicklungspsychologie, der Experimentellen Pädagogik und der Psychiatrie vorangetrieben wird, und dem emphatischen Anliegen seiner Befreiung in den zeitgenössischen Reformbewegungen, werden die diskursiven und ästhetischen Fluchtlinien eines neuen übergreifenden Interesses am Kind entfaltet. Damit leistet die Studie eine Neuverortung von Walsers Werk innerhalb einer modernen Wissenskultur und ihrer Institutionen, die sich um 1900 im Zeichen eines umfassenden gesellschaftlichen Erziehungsauftrags formieren. Sie wirft zugleich ein neues Licht auf die poetologische Signatur der Walser`schen Schreibszene und ihren notorischen Gesten der Verkleinerung.

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»Noch in ihrer Devianz entsprechen Walsers Protagonisten einem dieser Vermessung [des Kindes] als Kehrseite eingeschriebenen Konzept der Anomalie, das sie als Frühreife, Zurückgebliebene und Regredierte subjektiviert (S. 153). Dass Walsers Texte diese institutionellen Verfahren zugleich ausweisen und so entgegen der Naturalisierung des Kindes eine ›Genealogie der Kindheit‹ (S. 445) unternehmen, ist eine ausgesprochen bedeutungsvolle Erkenntnis der Untersuchung.«
Ruth Signer, Zeitschrift für Germanistik. Neue Folge XXX (2021), H. 1

»In einer profunden Analyse des Räuber-Romans, der Geschwister Tanner sowie der hinzugezogenen historischen Schriften verknüpft Schildmann die institutionellen Praktiken der Entmündigung und Verkindlichung mit der Krankheitsgeschichte von Walser selbst sowie derjenigen seiner Figuren. Es sind diskursive Konstellationen wie diese, die Schildmann mit viel Fingerspitzengefühl zeichnet und die den wissenshistorischen Rahmen für Walsers Poetik der Kindheit allererst abstecken.«
Sarah Möller, figurationen No. 01/20
 

Medienecho

22.12.2020
»Ich war eigentlich nie Kind«

Rezension von Sarah Möller, in: figurationen no. 01/20, 106–109

04.03.2020
Unkindliche Kinder, kindliche Erwachsene

Rezension von Rafael Arto-Haumacher, in: literaturkritik.de vom 04.03.2020