Frühe türkisch-deutsche Medieninitiativen: Ein Archiv der Freude, künstlerischen Produktion und des Alltagslebens
Der Schriftsteller Rafik Schami hat kritisiert, dass Literatur und Kunst von Migrant:innen bzw. über Migration in der alten Bundesrepublik häufig als bloße Dokumente verstanden wurden. Diese hielten vor allem Leid, Ausbeutung und die Härten der Migration fest und konstituierten ein Archiv des Kampfes um Rechte und Gerechtigkeit. Dabei wird übersehen, dass literarische und künstlerische Arbeiten weit darüber hinausgehen: Sie mobilisieren ihr Publikum, greifen unterschiedliche ästhetische Traditionen auf, verweigern Einsprachigkeit und reduktionistischen Multikulturalismus.
Ziel des Projekts ist es, ein Archiv positiver ästhetischer Erfahrungen zu erstellen und damit einem als »Überlebensliteratur« historisierten Narrativ eine gelebte ästhetische Praxis entgegenzusetzen. Untersucht werden vier türkisch-deutsche Medieninitiativen: die Zusammenarbeit von Aras Ören, Erkin Özgüç und Friedrich Zimmermann beim Sender Freies Berlin (SFB) mit den Kreuzberg-Filmen und der Türkischen Redaktion; die türkisch-deutschen Schreib-, Übersetzungs- und Verlagsprogramme der Verlage Dağyeli und Ararat; Emine Sevgi Özdamars Arbeit mit türkisch-deutschen Theaterinstitutionen und Autor:innen; sowie die Türkischen Filmtage München, bei denen türkische und deutsche Film- und Literaturtraditionen zusammengeführt wurden.
Diese Initiativen der 1970er und 80er Jahre zeichnen sich durch eine bemerkenswerte soziale Heterogenität aus: Studierende, Arbeitsmigrant:innen, politische Exilierte nach dem Militärputsch von 1980 und Künstler:innen wirkten gemeinsam an diesen Projekten mit. Die von ihnen geschaffenen literarischen und künstlerischen Werke wollten nicht nur Missstände thematisieren, sondern eigene ästhetische Maßstäbe, Stile und Räume schaffen. Sie traten in Dialog mit literarischen Entwicklungen in Deutschland und der Türkei und stellten das vermeintlich feste Verhältnis von Sprache und Zugehörigkeit generationsübergreifend infrage. Die Freude an gemeinsamer Produktion, die Organisation einer eigenen Stimme sowie die sozialen Beziehungen innerhalb dieser Initiativen sind allerdings bislang weitgehend außerhalb offizieller Archive und Diskurse verblieben.