Mutterschaft und Abtreibung in Performance und Politik
Dieses Projekt befasst sich mit der kulturellen und politischen Bedeutung von Mutterschaft, Abtreibung und Fruchtbarkeit während der Weimarer Republik. Es geht von zwei Grundannahmen aus: Erstens können wir die Debatten über Abtreibung nicht verstehen, ohne zunächst zu untersuchen, wie Mutterschaft selbst kulturell inszeniert wird und wie umkämpft sie ist. Zweitens sind sich wandelnde Darstellungen von Mutterschaft, Debatten über Fruchtbarkeit und Vorstellungen von reproduktiver Gerechtigkeit eng mit der Entwicklung neuer Medien und künstlerischer Bewegungen verbunden. Es gibt nicht nur eine Politik, sondern auch eine Ästhetik der Reproduktion.
Der Kampf um reproduktive Gerechtigkeit in der Weimarer Republik fand ebenso sehr im kulturellen wie im politischen Raum statt. In den 1920er und 1930er Jahren entstand eine Vielzahl von Filmen, Essays, Romanen und Theaterstücken, die eine Entkriminalisierung der Abtreibung forderten. Debatten über Mutterschaft und Abtreibung wurden auf öffentlichen Bühnen ausgetragen, in Theatern und Gerichtssälen bis hin zu öffentlichen Straßen. Indem das Projekt Ereignisse, künstlerische Hervorbringungen und Darstellungen des privaten häuslichen Lebens zusammenführt, untersucht es die Verflechtung von Öffentlichkeit und Privatheit in Vorstellungen von Mutterschaft und reproduktiver Gerechtigkeit. Das Projekt entwickelt drei thematische Schwerpunkte:
- Das Verhältnis von Ästhetik und Politik: Die Weimarer Republik war eine Zeit intensiver Debatten darüber, wie Kunst neue Formen des Zusammenlebens hervorbringen und gesellschaftlichen und politischen Wandel bewirken könne. Ist ein Theaterpublikum stärker von individuellem Mitleid bewegt oder von der Erkenntnis struktureller Ungerechtigkeit? Bringen eingängige Jazznummern oder kommunistische Marschlieder mehr Menschen dazu, auf die Straße zu gehen?
- Wie neue und alte Medien die Grenzen des Politischen transformieren: Neue Technologien, insbesondere die zunehmende Verbreitung von Rundfunkgeräten in Privathaushalten in den 1920er Jahren, verwischten die Grenzen zwischen öffentlichem und privatem Raum. Fortschritte in der Fotografie und im Druckwesen sowie Radio und Film ermöglichten neue Formen öffentlicher Debatten und ästhetischer Erfahrungen, die wiederum Vorstellungen von Mutterschaft und Möglichkeiten politischer Teilhabe prägten.
- Das Konzept der Natalität als Grundlage des öffentlichen Lebens: Durch die Verbindung von historischer Analyse und kritischer Theorie lässt sich Hannah Arendts Konzept der Natalität als eine grundlegenden Eigenschaft des öffentlichen Lebens neu betrachten – ihre Feststellung, dass mit jeder Geburt die Möglichkeit eines Neuanfangs entsteht. Während Arendt lange für ihre strikte Trennung zwischen öffentlichem, privatem und gesellschaftlichem Raum kritisiert wurde, verstehe ich Natalität als ein Konzept, das diese Trennungen aufhebt und einen neuen Raum für politisches Handeln eröffnet. Indem ich Arendts Werk in den reproduktionspolitischen Debatten der Weimarer Republik historisiere, zeige ich, wie ihr Konzept der Natalität als Gegenentwurf zum nationalistischen Pronatalismus eingesetzt werden kann, der derzeit in den Vereinigten Staaten und Europa wieder verbreitet wird.