Das gesellschaftliche Erhabene in der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts
Dem vorherrschenden Verständnis der literarischen Epoche von E. T. A. Hoffmann bis Thomas Mann zufolge ist der deutsche (poetische oder bürgerliche) Realismus durch die Abwendung von der sich entwickelnden industriell-kapitalistischen Moderne gekennzeichnet, die paradigmatisch mit dem literarischen Realismus in England und Frankreich verbunden wird. Diese Sichtweise stellt das Projekt infrage, indem es die spezifischen ästhetischen Reaktionsformen und Erzählweisen untersucht, die der verspätete Eintritt Deutschlands in die Moderne hervorgebracht hat.
Ausgangspunkt des Projekts ist die These, dass der deutsche Realismus von einem stark ausgeprägten Impuls getragen wird, gesellschaftliche Totalität darzustellen. Dieser erschöpft sich nicht in der Abbildung bestehender sozialer Ordnungen, denn der Realismus repräsentiert keine bereits existierenden sozialen Ganzheiten, sondern bringt solche imaginativ vorwegnehmend hervor. Wie der Cousin in E. T. A. Hoffmanns Des Vetters Eckfenster sich die Zukunft der deutschen Öffentlichkeit vorstellt, indem er von seinem Fensterplatz aus den Alltag der Marktbesucher beobachtet, regen auch die Werke von Adalbert Stifter, Theodor Storm, Gottfried Keller und Wilhelm Raabe dazu an, sich ein bewusst vereintes soziales Ganzes vorzustellen, auch wenn ein solches in der historischen Realität kaum existierte. So erzeugt die Darstellung massenhafter sozialer Bewegungen erhabene Eindrücke eines sozialen Ganzen, die zunächst überwältigen, aber durch narrative Organisation in eine vorläufige Ordnung überführt werden. Auf diese Weise generiert realistische Prosa ästhetisch bedingte Vorstellungen gesellschaftlicher Einheit, lange bevor diese politisch oder institutionell verfügbar wurden.
Weil eine konsolidierte nationale und sozioökonomische Ordnung noch fehlte, waren die deutschen Realisten bei ihrer Vorstellung der Moderne darauf angewiesen, ein gesellschaftliches Ganzes zunächst imaginativ zu entwerfen. Man kann sagen, dass diese Texte im Modus der reflektierenden Urteilskraft bei Kant operieren: Sie konstruieren den noch fehlenden allgemeinen Begriff, der notwendig wäre, um die beobachteten sozialen Phänomene unter ein Ganzes zu subsumieren. Das leisten die ästhetischen Innovationen, und in dieser Perspektive kompensieren sie nicht bloß eine historische Verspätung, sondern sind als kritische Interventionen zu sehen, in denen das, was noch fehlt, durch soziale Imaginationen ästhetisch erst erfunden wird.
Diese Neubestimmung des deutschen Realismus bezieht sich neben Kant auch auf Hegel. Einbezogen werden darüber hinaus später verfügbar gewordene Entwürfe sozialer Ganzheiten bei Ferdinand Tönnies, Max Weber und Georg Simmel. Das Projekt versteht den deutschen Realismus somit nicht als defizitäre Moderne, sondern als eigenständige ästhetische Antwort auf die Herausforderung, eine soziale Totalität unter modernen Bedingungen überhaupt erst vorstellbar zu machen.
Abb. oben: Die neue Kirche und das Schauspielhaus in Berlin auf einem Stahlstich von H. Fincke nach einer Zeichnung von W. Loeillot, erschienen im Verlag F. Sala & Co. in Berlin (Ausschnitt). Quelle: Gernot Ernst, Ute Laur-Ernst: Die Stadt Berlin in der Druckgrafik 1570–1870. Berlin: Lukas-Verlag 2009