Ein Stabmagnet, dessen Magnetfeld sichtbar gemacht wird durch angeordnete Eisenfeilspäne, die die magnetischen Feldlinien um den Magneten zeigen.

Die Anatomie der Gleichgültigkeit

»[I]ndem das Geld, mit seiner Farblosigkeit und Indifferenz, sich zum Generalnenner aller Werte aufwirft«, so Georg Simmel 1903 in Die Großstädte und das Geistesleben, »wird es der fürchterlichste Nivellierer, es höhlt den Kern der Dinge, ihre Eigenart, ihren spezifischen Wert, ihre Unvergleichbarkeit rettungslos aus«. Dieser Indifferenz des Geldes korrespondiere eine Blasiertheit, die von ihm als »Abstumpfung gegen die Unterschiede der Dinge« beschrieben wird. Anhand ausgewählter Schriften Simmels – von Über sociale Differenzierung: soziologische und psychologische Untersuchungen (1890) über sein Hauptwerk Die Philosophie des Geldes (1900) bis hin zu Lebensanschauung (1918), das wenige Monate vor seinem Tod erschien – entfaltet das Dissertationsprojekt den Begriff der Gleichgültigkeit in zweierlei Hinsicht: bezogen auf das Geld in seiner logischen Dimension, und bezogen auf die Blasiertheit in seiner affektiven Dimension.

Simmels Theorie der Gleichgültigkeit ist bereits latent in der deutschen Philosophie bzw. im marxistischen Denken angelegt. Sie gründet auf der Dialektik zweier unterschiedlicher deutscher Bezeichnungen dieses Begriffs: Indifferenz und Gleichgültigkeit. ›Indifferenz‹ geht auf die latinisierte Form des altgriechischen Wortes adiaphora (ἀδιάφορα) zurück und bezeichnet eine Negation oder Neutralisierung der Dualität von Differenz. ›Gleichgültigkeit‹ hingegen bezeichnet nicht mehr die Negation der Differenz, sondern deren vollständige Abwesenheit, also die Gleichwertigkeit oder gleiche Gültigkeit des Gleichen. Simmel zeigt zum einen auf, wie Geld und Technik historisch zum Übergang von Indifferenz zu Gleichgültigkeit beitragen, da sie dazu neigen, alle Aspekte des Alltagslebens zu vermitteln. Zum anderen theorisiert er die subjektiven Auswirkungen dieses Prozesses auf das Individuum im Zustand der Blasiertheit. Sowohl der Übergang von Indifferenz zu Gleichgültigkeit als auch die Bewegung von der Überreizung zur Blasiertheit werden durch die mit der Mechanisierung und Globalisierung des Arbeitsprozesses einhergehende Skalierung vorangetrieben.

Indem Simmel die wirtschaftlichen und technologischen Grundlagen des Phänomens der Gleichgültigkeit mit der Entstehung eines gleichgültigen Individuums verbindet, dessen Weltanschauung von Werten und Sinn entleert ist, versteht er Gleichgültigkeit sowohl als ein wirtschaftliches, d.h. gesellschaftliches und objektives Phänomen, als auch als ein individuelles und subjektives. Angesichts der zunehmenden Nutzung digitaler Technologien und der damit einhergehenden Beschleunigung von Vermittlungsprozessen sowie des wachsenden Interesses an deren desensibilisierenden und immobilisierenden Effekten, etwa im Burnout, bietet Simmels Theorie somit einen leistungsstarken Rahmen für eine kritische Neubewertung der gegenwärtigen Verhältnisse.

 

Abb. oben: Darstellung des Magnetfeldes eines Stabmagneten mithilfe von Eisenfeilspänen. Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Veranstaltungen

Vortrag
10.03.2026 · 13.00 Uhr

Eleonora Antonakaki Giannisi: The Anatomy of Indifference

New York University, The Remarque Institute, 60 5th Avenue, New York, NY 10011, USA

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