Kohärenz. Die Poetik des Zusammenhangs
Eine Untersuchung der Kohärenz als spezifisches literarisches und literaturwissenschaftliches Phänomen ist zugleich Literatur-, Fach- und Mediengeschichte. In der Narratologie beispielsweise hat der Kohärenzbegriff in den letzten Jahrzehnten eine weitestgehend unbemerkte Konjunktur erfahren. Oft synonym für Zusammenhang gebraucht, scheint er vordergründig wertungsfrei den einheitlichen Inhalt, Aufbau, Stil und/oder die Argumentation eines Textes zu beschreiben. Hintergründig hat das Verständnis von Kohärenz durch die Erzählforschung jedoch eine semantische Umwendung erfahren, die sie zu einem a priori eines jeden erzählenden Textes erklärt und derart eine bestimmte, definitorisch anmutende Auffassung vom ›Wesen‹ erzählender Literatur prägt. Die vermeintliche Kausalattribuierung der narrativen ›Welt‹ als Zusammenhangsgarant hat als kaum hinterfragtes Schema narratologischer Grundlagenforschung Karriere gemacht – über die ikonisch gewordene Story-Plot-Unterscheidung bis hin zur Possible Worlds Theory.
Im Projekt sollen dagegen die historischen Kontinuitäten und Diskontinuitäten von Zusammenhangsstrategien und -denkweisen, mithin die aufgeworfenen Fragen nach inhaltlichem und weltgeschichtlichem Zusammenhang einer ›Geschichte‹, aufgedeckt und untersucht werden. Beispielhaft sei auf den Übergang von einem frühneuzeitlichen zu einem vermeintlich ›modernen‹ Erzählen verwiesen, der von dichtungskritischen und philosophischen Texten hinsichtlich einer Umstellung auf eine Form kausaler Motiviertheit sowohl der Eingerichtetheit der Welt als auch des Romans reflektiert wird. Letzterer operiert jedoch bereits jenseits einer solchen Eingerichtetheit. Dass sich die Vorstellung eines kausalen Zusammenhangs aller Dinge mit der Jahrhundertwende 1900 und der Relativitätstheorie nicht bruchlos aufrechterhalten lässt, müsste eigentlich auf der Hand liegen. Doch die Idee des notwendigen, kausalen Zusammenhangs hat sich im Begriff der Kohärenz literarischer Texte bis heute behauptet.
Es gilt daher, eine fachgeschichtliche Rekonstruktion des Kohärenzbegriffs seit dem Ende des 19. Jahrhunderts mit einer historischen Perspektive zu verschalten, die sich dichtungs- und rhetoriktheoretischen, historiographischen sowie literarischen Texten seit dem 18. Jahrhundert zuwendet und fragt: Mit welchen historischen Implikationen sind Zusammenhangsvorstellungen aufgeladen? Wie wird Kohärenz gedacht, hergestellt, problematisiert oder unterlaufen?