Auf der Suche nach einem verlorenen Namen: Lots Frau und die Poetik verwüsteter Städte

Das Projekt befasst sich mit der biblischen Figur von Lots Frau und ihrem verhängnisvollen Blick zurück auf die brennende Stadt Sodom. Als zur Salzsäule erstarrte Figur erscheint sie zunächst als zum Schweigen gebrachte Ikone. Was immer sie mit ihrem Blick zu erfassen versucht, verschwindet in jenem Augenblick – zusammen mit ihr und ihrer Stadt. Durch ihre verhängnisvolle Metamorphose verwandelt sie sich jedoch in ihre eigene Signatur, wird selbst zum Zeichen, das sich unauslöschlich in die Landschaft einschreibt. So bewahrt die Erzählung gerade das, was sie zu tilgen sucht – die Möglichkeit, Vernichtung darzustellen.

Die selbstnegierende symbolische Funktion der Salzspur dient dem Projekt als konzeptueller Schlüssel für die Analyse von Erzählungen verwüsteter Städte. Denn Sodom als Ort des Grauens und Lots Frau als seine Zeugin finden ihre Entsprechungen in Erzählungen anderer zerstörter Städte und zum Schweigen gebrachter Zeugenschaft, vom antiken Ur und Karthago über das moderne Magdeburg, Dresden, Hiroshima und Nagasaki bis hin zur gegenwärtigen Wiederkehr einer ›Sodomlandschaft‹ in Gaza.

Forschungsstipendium der Alexander von Humboldt-Stiftung 2026–2027
Bearbeitung: Dina Berdichevsky