Karikatur eines Anwalts im Gerichtssaal, der mit ausladender Geste auf eine junge Zeugin zeigt.

Vor Gericht. Prozesse in der zeitgenössischen Literatur

Gerichtsverfahren bringen nicht nur Urteile, sondern auch Erzählungen hervor. Im Prozess treffen konkurrierende Darstellungen von Wirklichkeit aufeinander, Tatsachen werden interpretiert und öffentlich auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft. Literarische Texte nehmen dieses Motiv auf und machen das Gericht zum Schauplatz, an dem Stimmen hörbar werden, die im gerichtlichen Verfahren abwesend sind, vervielfältigen Perspektiven und hinterfragen die Autorität des institutionellen Urteils.

Vor diesem Hintergrund untersucht das Projekt aus komparatistischer Perspektive Inszenierungen juristischer Prozesse in der deutschen und französischen Gegenwartsliteratur. Zahlreiche literarische Texte haben sich kritisch mit medienwirksamen Gerichtsverfahren auseinandergesetzt. So befasst sich etwa Emmanuel Carrères V13 mit dem Prozess zu den Anschlägen von Paris im November 2015, und Kathrin Rögglas Laufendes Verfahren mit dem NSU-Prozess. Andere Werke richten ihren Blick auf die alltägliche Justiz, wie Joy Sormans Le Témoin. Der Prozess erscheint als paradigmatische Szene, anhand derer sich Formen der Wahrheitsproduktion und gesellschaftliche Normen erforschen lassen. Die literarische Darstellung realer oder fiktiver, historisch bedeutsamer oder alltäglicher Prozesse ermöglicht eine Kritik der Dramaturgie der Urteilsfindung und eröffnet alternative Sichtweisen auf Verbrechen, Verantwortung und Urteil. Dabei wird das Gericht zu einem Ort, an dem sich soziale Konflikte beobachten lassen, und mit Blick auf seine Sprache und die ihr innewohnende Gewalt nicht zuletzt zum Schauplatz eines Prozesses gegen die Justiz selbst.

Doch auch die Literatur wird auf die Probe gestellt. Autor:innen, die Prozesse begleiten oder nacherzählen, bringen eigene Vorannahmen, blinde Flecken und narrative Gewohnheiten mit, die ihre Darstellung prägen. Hinzu kommt, dass eine kritische Haltung gegenüber der Justiz inzwischen zur erwartbaren Geste und Konvention engagierten Schreibens geworden ist, die ihrerseits der Reflexion bedarf. Die Auseinandersetzung mit dem (literarischen) Prozess wirft schließlich zahlreiche ethische und ästhetische Fragen auf: Wer darf sprechen? Wessen Perspektive wird privilegiert? Welche Positionen werden den Leser:innen nahegelegt?

 

Abb. oben: Honoré Daumier: Le Défenseur (Ausschnitt)

2026–2027
Leitung: Aurore Peyroles