Textildesign auf Papier: unregelmäßige Umrisse von dunkelrotbrauner Farbe und horizontale Streifen aus weißen Perlen mit schwarzen Umrissen auf hellbraunem Grundton.

Reproduktion, Arbeit, Ästhetik. Stillen und Literatur im langen 19. Jahrhundert

Praktiken der Fürsorge, Pflege und Zuwendung wurden in den letzten Jahren zunehmend im gesellschaftlichen und politischen Diskurs thematisiert. Auch für die Literatur ist Sorgearbeit immer wieder von Bedeutung, doch nicht allein als Gegenstand: Tätigkeiten wie Kinderbetreuung, Hausarbeit, Pflege und Trost gehören zu den wesentlichen, allerdings häufig verschwiegenen Voraussetzungen schriftstellerischer Arbeit. Hier setzt das Projekt an, indem es mit dem Stillen einen zentralen, aber bislang wenig erforschten Bereich weiblicher Sorgetätigkeit in der deutschsprachigen Literatur zwischen 1789 und 1914 in den Fokus rückt und zugleich die biologische Reproduktion in Bezug zu dem sich seit 1800 neu herausbildenden Kunst- und Arbeitsbegriff setzt. Dies erlaubt auch eine Neuperspektivierung des Verhältnisses von körperlicher Reproduktion und literarischer Produktion.

Das Projekt untersucht das komplexe Wechselverhältnis von Literatur und populärwissenschaftlichen Texten über das Stillen im langen 19. Jahrhundert. Es geht von der Beobachtung aus, dass es vor allem literarische Texte sind, die die Fragilität des seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert etablierten Narrativs der ›natürlich‹ stillenden Mutter als Garantin der bürgerlichen Familie offenbaren: Nur selten stillt hier die leibliche Mutter selbst. Vor diesem Hintergrund möchte das Projekt zu einer Analyse des Verhältnisses von Reproduktion und Arbeit beitragen. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei der Figur der Amme, die nicht nur das Narrativ der ›natürlich‹ stillenden Mutter infrage stellt, sondern auch die als getrennt gedachten Sphären von männlicher Berufsarbeit und weiblicher ›Nicht-Arbeit‹ durchkreuzt.

Durch den literaturwissenschaftlichen Fokus auf die um 1800 entstehenden, an männliche Originalität gebundenen Gebärphantasien wurde der Zusammenhang von biologischer Reproduktion und ästhetischer Schöpfungskraft in der Literatur von Autorinnen bislang kaum gesehen. Deshalb verfolgt das Projekt mit der zunächst heuristischen Kategorie einer ›reproduktiven Ästhetik‹ die These, dass Autorinnen aus der ihnen im Diskurs ihrer Zeit zugewiesenen reproduktiven Position – Zeugung von Kindern anstatt von Kunstwerken – eine Ästhetik entwickeln, die Körperlichkeit und Sorgepraktiken zu Ausgangspunkt und Bedingung literarischer Kreativität macht.

 

Abb. oben: Elsässisches Textildesign, 1840, Quelle: The Met

gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) 2026–2030
Leitung: Pola Groß

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Pola Groß